Themenseite zum „Wissenschaftsjahr 2026 – Medizin der Zukunft“
Gesundheit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein gutes Leben. Deshalb dreht sich im Wissenschaftsjahr 2026 alles um die Medizin der Zukunft. Forschung und Entwicklung arbeiten konsequent an immer innovativeren, effektiveren und wenig(er) invasiven Technologien zum Erhalt oder Wiederaufbau des körperlichen und geistigen Wohlbefindens. Wie Wissenschaftler*innen der Universität Paderborn zu diesen Entwicklungen beitragen, erfahren Sie in unserem Themenspecial. Die Wissenschaftsjahre sind eine Initiative des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in Zusammenarbeit mit Wissenschaft im Dialog (WiD).
Medizin der Zukunft
Die Zahl älterer und chronisch erkrankter Menschen wächst kontinuierlich. Damit geht ein steigender Bedarf an Rehabilitation und medizinischer Versorgung einher. Technische und soziale Innovationen können dazu beitragen, diese Herausforderungen zu meistern. Obwohl es an der Universität Paderborn keine eigene Medizinfakultät gibt, entwickeln unsere Wissenschaftler*innen Technologien, Produkte und Methoden, die Diagnostik, Prävention und Therapien verbessern.
Medizinische Forschung an der Universität Paderborn
Künstliche Intelligenz (KI) ist längt in den Operationssälen dieser Welt angekommen. Sie fertigt OP-Pläne an, interpretiert Röntgenbilder und steuert Roboterarme, die filigranste Eingriffe vornehmen. Im Sonderforschungsbereich 318 „Erklärbarkeit konstruieren“ untersuchen Wissenschaftler*innen beispielsweise, wie KI mit Ärzt*innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten und ihnen dabei helfen kann, bessere Diagnosen zu stellen. Sie entwickeln ein interaktives System, das Ärzt*innen bei der Diagnosefindung begleitet und im Dialog mit ihnen Annahmen überprüft. Das soll Entscheidungen transparent und nachvollziehbar machen und Fehldiagnosen vermeiden. Eine Ausgründung der Universität Paderborn entwickelt zudem KI-basierte Technologien, die intraoperative Bilddaten analysieren und daraus Orientierungshilfen für den Eingriff ableiten können, ohne auf zusätzliche Tracking-Infrastruktur angewiesen zu sein.
Ebenfalls im Kontext intelligenter technischer Systeme steht das Projekt „Feingranulare Zugriffskontrolle“ der Universität Paderborn. Das Vorhaben zielt darauf ab, Sicherheitsstandards zum Schutz sensibler Gesundheitsdaten im Kontext der Parkinson-Erkrankung zu gewährleisten. „Care Data Spaces OWL“, als übergeordnetes Projekt, arbeitet an sicheren digitalen Räumen, in denen Gesundheitsdaten verantwortungsvoll gespeichert, geteilt und genutzt werden können – bei voller Kontrolle durch die Betroffenen.
Im Bereich Orthopädie haben Paderborner Forschende mit dem sogenannten „Fuß-Dummy“ und dem entsprechenden Prüfverfahren einen einheitlichen Standard zur Bewertung der Funktionalität von Unterschenkel- oder Knöchelorthesen geschaffen. Der neu entwickelte Dummy bietet einen technisch und wissenschaftlich begründeten Standard zum Nachweis beispielsweise einer adäquaten Ruhigstellung des Fußes durch die Orthese. Damit kann einerseits eine ideale Patient*innenversorgung gewährleistet werden. Andererseits ergibt sich das Potenzial der Kostenersparnis für Krankenkassen, da Amputationen vermieden werden können, etwa beim diabetischen Fußsyndrom.
Wie eng gesundheitliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Fragen zusammenhängen, zeigt sich auch beim altersbedingten kognitiven Abbau, der bis zu Erkrankungen wie Demenz reichen kann. Diese Krankheiten stellen sowohl die Betroffenen und ihre Familien als auch das Gesundheits- und Pflegesystem vor Herausforderungen. Ein Projekt an der Universität Paderborn untersucht den altersbedingten Rückgang kognitiver Fähigkeiten aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. Ausgangspunkt ist der enge Zusammenhang von Kognition, Gesundheit und Mortalität. Die Wissenschaftler*innen erforschen, wie institutionelle Rahmenbedingungen und individuelle Entscheidungen diese Entwicklung beeinflussen.
An der Universität Paderborn wird das Thema Medizin auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht erforscht. Der Forschungsbereich „Medical Humanities“ befasst sich mit der Erfahrung von Krankheit und ihrer kulturellen Bedeutung in verschiedenen historischen Epochen und Medien. Es ergänzt die klinische Praxis sowie die medizinischen und biologischen Wissenschaften um eine geisteswissenschaftliche Perspektive.
Forschungspreis 2026: Projekt „ML4Fouling“
Paderborner Wissenschaftler*innen entwickeln im Forschungsprojekt „ML4Fouling“ ein KI-System, das die unerwünschten Ablagerungen auf Medizin- und Industrieprodukten, beispielsweise auf künstlichen Herzklappen, voraussagt. Das interdisziplinäre Team verknüpft dabei Laborexperimente, Computersimulationen und maschinelles Lernen zu einem Modell, das es erstmals erlaubt, Belagsbildung über verschiedene Materialien, Flüssigkeiten und Strömungsbedingungen hinweg zu berechnen. So schaffen sie eine Grundlage für smartere Werkstoffe und energiesparendere Industrieprozesse. Das Vorhaben wurde mit dem Forschungspreis 2026 der Universität ausgezeichnet.
Sportmedizinisches Institut
Bewegung ist ein zentraler Faktor für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Prävention. Am sportmedizinischen Institut der Universität Paderborn lehren und forschen Wissenschaftler*innen zu Verfahren der Leistungs- und Gesundheitsdiagnostik sowie zur Trainingssteuerung im Leistungs- und Breitensport. Mit Institutsleiter Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger wurde 2014 deutschlandweit erstmals ein Neurologe auf einen sportmedizinischen Lehrstuhl berufen. Dadurch liegt ein Schwerpunkt des Instituts auf der Erforschung von Funktionsweisen des Gehirns und des autonomen Nervensystems im Sport. Über ihre innovative Forschung im Bereich „Applied Neurosciences in Sports and Exercise“ tauschen sich die Wissenschaftler*innen mit nationalen und internationalen Kolleg*innen der Sportmedizin aus.
Anwendungsfelder in der Sportmedizin
Ein Anwendungsfeld sind z. B. sportassoziierte Gehirnerschütterungen (engl. „Concussions“). In der Studie „Concussion im Spitzensport in Deutschland“ (ConcuSs-D) erfassen Paderborner Forschende systematisch Daten zu Häufigkeit, Management und Folgen von Gehirnerschütterungen im deutschen Spitzensport. Gefördert wird die Studie durch das Bundesinstitut für Sportwissenschaft.
In einem weiteren interdisziplinären Projekt haben die Wissenschaftler*innen an einem am Handgelenk getragenen Gerät, einem sogenannten Wearable, zur Echtzeitprognose von epileptischen Anfällen geforscht. Diese Methode soll möglichst kostengünstig und zuverlässig das Leben von Menschen mit Epilepsie verbessern. Um ihr Ziel zu erreichen, haben die Forschenden einen Algorithmus und einen Plattform-Prototyp entwickelt. Dabei werden Live-Daten wie z. B. Herzfrequenz und Hauttemperatur vom Wearable erfasst, durch den Algorithmus verarbeitet und münden im Falle einer erhöhten Anfallswahrscheinlichkeit in einen Alarm. Prof. Dr. Dr. Claus Reinsberger, Neurologe und Leiter des sportmedizinischen Instituts, und Dr.-Ing. Tanuj Hasija vom Institut für Elektrotechnik und Informationstechnik wurden schon 2023 für ihr Vorhaben mit dem Forschungspreis der Universität Paderborn ausgezeichnet.


