Wör­ter zer­le­gen, bes­ser ler­nen: Wie Wort­bau­wis­sen und Sprach­fä­hig­kei­ten bei Kin­dern zu­sam­men­hän­gen

 |  Forschung,  Transfer,  Pressemitteilung,  Fakultät für Kulturwissenschaften,  Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft,  Förderschwerpunkt Sprache

In ihrem neuen Buch liest die achtjährige Eloise das Wort „Supermagnetkraft“. Sie hat es noch nie zuvor gehört oder gelesen und kann sich seine Bedeutung dennoch erschließen. Denn sie kennt die einzelnen Bausteine: „super”, „Magnet” und „Kraft” und weiß, wie diese zusammenspielen. Die Fähigkeit, den inneren Aufbau von Wörtern zu erkennen und mit ihren Bestandteilen umzugehen wird als „morphologische Bewusstheit“ bezeichnet. Wie diese Fähigkeit mit den (schrift-)sprachlichen Fähigkeiten von Kindern zusammenhängt und wie sie gezielt gefördert werden kann, untersuchen Wissenschaftler*innen der Universität Paderborn und der Ludwig-Maximilians-Universität München in einem Kooperationsprojekt. Zu den längsschnittlichen Zusammenhängen zwischen der morphologischen Bewusstheit sowie den laut-und schriftsprachlichen Fähigkeiten hat das Forschungsteam jüngst eine Meta-Analyse in der renommierten Fachzeitschrift „Educational Research Review“ veröffentlicht. 

Obwohl die morphologische Bewusstheit (Englisch: „morphological awareness“, kurz: MA) zunehmend als relevant für die Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz anerkannt wird, bleiben Fragen hinsichtlich der jeweiligen Zusammenhänge offen. Frühere Meta-Analysen zeigten moderate bis starke Zusammenhänge zwischen der morphologischen Bewusstheit und verschiedenen sprachlichen Fähigkeiten. Diese Arbeiten basierten jedoch überwiegend auf querschnittlichen Studien, in denen die Fähigkeiten der Kinder zu einem einzigen Zeitpunkt erfasst worden sind. Daher blieb bislang offen, ob sich diese Zusammenhänge auch über längere Zeiträume hinweg zeigen.

„Um diese Forschungslücke zu schließen, haben wir die Ergebnisse von 35 Längsschnittstudien zusammengeführt. Wir wollten wissen, inwieweit die morphologische Bewusstheit von Kindern mit ihren späteren laut- und schriftsprachlichen Fähigkeiten zusammenhängt“, erklärt Projektkoordinatorin Joanna Bodynek von der Universität Paderborn. Die Wissenschaftler*innen untersuchten dabei die Zusammenhänge zwischen der morphologischen Bewusstheit und dem späteren Wortschatz, dem Wortlesen, dem Leseverständnis und der Rechtschreibung. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass Kinder mit einer stärker ausgeprägten morphologischen Bewusstheit zu einem späteren Zeitpunkt tendenziell bessere laut- und schriftsprachliche Fähigkeiten zeigen“, so Bodynek. Besonders deutlich fiel der Zusammenhang mit dem späteren Leseverständnis aus.

Gleichzeitig unterschieden sich die Zusammenhäng zwischen den einzelnen Studien zum Teil deutlich. Eine mögliche Erklärung dafür liegt in den verwendeten Aufgaben. „Die einbezogenen Studien messen die morphologische Bewusstheit teilweise auf sehr unterschiedliche Weise“, erläutert Projektleiterin Prof. Dr. Kristina Jonas von der Universität Paderborn. „Kinder müssen beispielsweise Wörter in ihre Bestandteile zerlegen, verwandte Wörter bilden oder neue Wörter aus vorgegebenen Bausteinen zusammensetzen. Solche Unterschiede in den Aufgaben können mit dazu beitragen, dass die Studien unterschiedlich starke Zusammenhänge finden.“

Für das Forschungsteam sind die Ergebnisse eine wichtige Grundlage für die nächsten Schritte. Im weiteren Verlauf des Projekts soll ein Förderkonzept der morphologischen Bewusstheit entwickelt und evaluiert werden. Ziel ist es, Kinder dabei zu unterstützen, Wortstrukturen gezielt zu erkennen und zu nutzen und dadurch ihre Fähigkeiten im Lesen, Wortschatz und Rechtschreiben zu stärken.

Unsere Meta-Analyse zeigt, dass die morphologische Bewusstheit langfristig eng mit zentralen laut -und schriftsprachlichen Fähigkeiten zusammenhängt“, fasst Bodynek zusammen. „Darauf aufbauend möchten wir nun untersuchen, wie die morphologische Bewusstheit im Schulalter gezielt gefördert werden kann und welche Förderansätze sich dafür besonders eignen.“

Zum Artikel (Open Access): https://doi.org/10.1016/j.edurev.2026.100831

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