Prof. Dr. Claudia Öhlschläger und Dr. Tillmann Heise forschen am Paderborner Institut für Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft unter anderem zu den Zusammenhängen zwischen Stereotypenbildung und Ressentiments. Im Interview sprechen beide darüber, wie in der Literatur bestehende kulturelle und politische Stereotype nicht nur verfestigt und legitimiert, sondern auch potenziell angefochten und so möglicherweise gar widerrufen werden.
Welchen Unterschied gibt es zwischen „Stereotypen“ und „Ressentiments“? Wodurch zeichnen sie sich jeweils aus?
Claudia Öhlschläger: Das Ressentiment ist eine Emotion des Grolls, des aufgeschobenen Zorns. Es ist ein unterdrückter Affekt, der in sozialen Interaktionen und Kontexten wirksam wird und Feindbilder hervorbringt. Das Ressentiment richtet sich überwiegend auf einen ‚Anderen‘ oder ‚Andere‘, darin sind sich jedenfalls die meisten Theoretiker einig. Sie gehen davon aus, dass schwache, das heißt sich unterlegen fühlende und zum souveränen Handeln unfähige Menschen, zu dieser Art von Groll neigen. Also diejenigen, die glauben, zu kurz gekommen oder abgehängt worden zu sein. Erst neuere Theorien weisen darauf hin, dass es Ressentiments auch ‚von oben‘, also bei Akteur*innen mit großem kulturellen, sozialen und/oder ökonomischen Kapital geben kann und dass sich der Ressentiment-Verdacht zudem auch gegen diejenigen richten kann, die anderen eine ressentimentale Haltung attestieren.
Tillmann Heise: Stereotype sind demgegenüber zunächst einmal kognitive Schemata, die konventionalisiertes Wissen zum Beispiel über bestimmte Akteur*innen und Gruppen schnell verfügbar machen. Sie können sich in unterschiedlicher Art und Weise verwirklichen, beispielsweise in literarischen Texten. Ressentiments und Stereotype sind insofern nicht dasselbe, aber wir gehen davon aus, dass sie häufig gemeinsam auftreten. So greifen beispielsweise Texte, die eine ressentimentale Denkhaltung ausdrücken, oft auf stereotype (Fremd-)Zuschreibungen zurück, um die oben erwähnten Feindbilder zu konstruieren. Ressentimentales Schreiben und Sprechen geht demnach einerseits auf bestehende Stereotype zurück und ist dadurch an deren Weitergabe beteiligt. Andererseits lässt sich in diesem Moment der Wiederaufnahme und Aneignung stereotyper Zuschreibungen auch das Potenzial ihrer Variation oder gar Verflüssigung vermuten. Die Wiederholung von Stereotypen kann so gesehen – je nach den präzise zu analysierenden Verwendungsweisen und -kontexten – nicht nur zu ihrer Verfestigung, sondern auch zu ihrer Infragestellung beitragen.
In der von Ihnen beiden herausgegebenen Publikation „Rückkehr des Ressentiments? Stereotype in Medien, Kulturphilosophie und Literatur“, die im Dezember als Sonderheft der Zeitschrift für deutsche Philologie erschienen ist, sprechen Sie von einer Konjunktur des Ressentiments in der gegenwärtigen Debattenkultur. Waren diese denn dort je verschwunden?
Heise: Ressentiments sind natürlich kein exklusives Phänomen der Gegenwart. Bereits im 18. Jahrhundert wurden sie zum Gegenstand philosophischer Reflexionen und die bis heute einflussreichen Ressentiment-Theorien von Friedrich Nietzsche und Max Scheler stammen aus den Jahrzehnten um 1900. Insbesondere bei Scheler liest man, dass Ressentiments eine spezifisch moderne Reaktion auf die nicht eingelösten Gleichheitsversprechen liberal-demokratischer, kapitalistischer Gesellschaften seien. Kurz gesagt: Die zum Beispiel in Verfassungen garantierte Gleichheit aller Staatsbürger*innen in formaler und juristischer Hinsicht trifft auf die individuelle Erfahrung faktischer Ungleichheit in Besitz, Chancen und sozialer Teilhabe. Je weiter das gesellschaftliche Versprechen und die eigene Wirklichkeit in der Wahrnehmung der Zeitgenoss*innen auseinanderklaffen, so die These, desto wahrscheinlicher wird die Artikulation von Ressentiments, z. B. in öffentlichen Debatten. Insofern implizieren wir mit der Frage nach der ‚Rückkehr‘ von Ressentiments nicht, dass diese zwischenzeitlich völlig verschwunden waren. Ihr Auftreten in Konjunkturen zeigt aber, dass sie eng mit der gesamtgesellschaftlichen Lage verknüpft sind. Ressentiments sind dementsprechend für viele Disziplinen im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften von Interesse.
Welche aktuell auftretenden Ressentiments sind auch historisch stark vertreten und was für gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Umstände führen dazu, dass diese immer wieder auftauchen?
Öhlschläger: Eines der hartnäckigsten Ressentiments ist sicher der stille oder laute Groll gegenüber ‚Fremden‘ und deren Abwertung. Als fremd gelten Menschen, die sich nicht vorbehaltlos in bekannte Gesellschafts- und Kulturmuster einfügen lassen. Xenophobie, also die Angst vor Fremden und Unbekannten, die als Bedrohung für die eigene Identität oder Kultur angesehen werden, kennt man schon in der Antike als literarisches Motiv, z. B. aus Sophokles’ Tragödie „Ödipus“. Im Mittelalter waren es Pilger und Kreuzfahrer, Kaufleute, Hexen, Zauberer oder Juden und Muslime, die als fremd angesehen wurden, da sie sich außerhalb von etablierten Herrschaftsformen oder der Ideenwelt christlicher Heilsordnungen bewegten. Die Angst vor dem Fremden bzw. der Fremde ist bis heute geblieben und in Zeiten gesellschaftlicher, sozialer und ökonomischer Umbrüche und Krisen, wie wir sie gegenwärtig weltweit erleben, nimmt das Ressentiment gegenüber allem, was anders zu sein scheint, an Fahrt auf. Insbesondere in rechten und rechtsextremen Foren und Diskursen werden solche xenophoben Ressentiments bewirtschaftet.
Sie forschen beide nicht nur zu der Verfestigung von Ressentiments und Stereotypen in den Medien, sondern auch der Widerrufung und „Heilung“ dieser. Wie kann dieser Prozess aussehen?
Heise: Eine empfehlenswerte Strategie, Ressentiments und stereotypisierte Denkweisen zu identifizieren und zu hinterfragen, ist die akribische Analyse von Geschriebenem und Gesprochenem. Genau hierin sehen wir unsere spezifische Kompetenz als Literaturwissenschaftler*innen: eine Mikroperspektive auf die konkreten sprachlichen, medialen und materialen Artikulationen und Ästhetisierungen von Ressentiments und Stereotypen zu richten. Wenn man zum Beispiel in einem Text über stereotype Fremd- oder Selbstzuschreibungen stolpert, ist eine wichtige Frage die nach ihrem Kontext und Funktion. Werden stereotype Zuschreibungen verwendet, um Ressentiments zu schüren oder ressentimentale Sprechhaltungen zu beglaubigen? Aber umgekehrt auch: Werden Stereotype genutzt, um sie beispielsweise zu ironisieren, infrage zu stellen und somit umzukehren? Dieser kritische Blick kann und sollte sich übrigens nicht nur auf andere, sondern auch auf sich selbst und die eigenen praktizierten Zuschreibungen, Wertungen und Sprechweisen richten.
Öhlschläger: Neben kritischer Selbstreflexion schlägt die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury in ihrem lesenswerten Buch „Hier liegt Bitterkeit begraben“ (2023) auch Humor und Zukunftsorientierung als Strategien vor, um Ressentiments zu ‚heilen‘, wie sie es nennt. An der Universität kann der Prozess einer Widerrufung ressentimentaler Denkweisen darüber hinaus ganz konkret durch die Wahl spezifischer Seminarthemen begünstigt werden, beispielsweise aus dem Kontext des Feminismus und/oder des Postkolonialismus.