„Die Zeichen der Zeit deuten lernen“ – Kultursemiotisch orientierte Lernaufgaben in einer kontroversen Geschichtskultur empirisch

Überblick

Unsere heutige Lebenswelt kennt zahlreiche geschichtskulturelle Objektivationen mit kontroversen Sinnzuschreibungen, die auch von Schülerinnen und Schülern tagtäglich wahrgenommen werden (können): geschichtsbezogene Posts in Social Media, historische Computerspiele, Geschichtssendungen und -filme, Stolpersteine zur Erinnerung an Menschen, die in der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden, historische Ausstellungen, politische Reden, National- und Kriegerdenkmäler, Gedenkstätten und Erinnerungsorte, historische Feste und Feiern, historische Romane und Sachbücher, Mittelaltermärkte, historisch kostümierte Gastronomie u.v.m. Im Zentrum des hier vorgestellten Forschungsvorhabens stehen die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Lernenden zur Dekodierung und Interpretation ästhetischer, kognitiver und politischer Aspekte geschichtskultureller Objektivationen als Symbole, Zeichen bzw. Zeichenkonglomerate (Syntagma). Dem Ansatz der Kultursemiotik zufolge sind solche Objektivationen als Träger geschichtskulturellen Sinns sowohl Mittel zur Vergegenständlichung (geschichtlicher) Erfahrungen als auch Werkzeuge zum kommunikativen Aushandeln von (geschichtlicher) Bedeutung. Geschichtskulturelle Objektivationen, seien sie nun materiell (Artefakte) oder immateriell (Mentefakte) bilden ein Geflecht aus gesellschaftlich objektivierter und subjektiv wirklicher Sinnhaftigkeit. Dabei sind die vielfältigen Bedeutungsebenen geschichtskultureller Zeichen keine Eigenschaft, die den jeweiligen Objektivationen fest eingeschrieben sind; vielmehr sind sie eine Relation zwischen den Symbol- bzw. Zeichenträgern einerseits und den jeweiligen Realitätskonzeptionen der Rezipienten andererseits. Dialogizität ist daher die kommunikative Modalität, in dem die geschichtskulturellen ‚Zeichen der Zeit‘ ihre Wirkungen entfalten. Im Sinne des Semiotikers Umberto Eco lässt sich hier von einem dialogischen Perspektivwechsel als iterative Semiose sprechen: Wechselt im Dialog die Perspektive, wird der Interpretant selbst zu einem sprachlichen Zeichen, das wiederum ein neues Objekt und einen neuen Interpretanten hervorbringt. Es entsteht ein Prozess ‚semiotischer Dialogizität‘.

Ein derart kultursemiotisch geweiteter Begriff vom historischen Lernen begründet u.E. eine fachspezifische Aufgabenkultur, die die Lernenden zur produktiven Auseinandersetzung mit den ‚Zeichen unterschiedlicher Zeiten‘ und ihren kontroversen Deutungen anregt, um diese sinnvoll auf die eigene Vorstellungswelt, sei es in Form einer kritischen Integration oder auch Negation, beziehen zu können. In dem hier vorgestellten Forschungsvorhaben geht es in einem ersten Schritt darum, anhand von Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern den Möglichkeitsraum für konkrete kommunikative, oder auch diskursive Praktiken im gemeinschaftlichen Aushandeln geschichtskulturellen Sinns empirisch auszuloten und dabei musterhafte performative Strukturen nachzuzeichnen. Der zweite, ebenfalls empirische Untersuchungschritt baut auf dem ersten auf, indem auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse unterschiedliche Lernaufgaben formuliert und in einem qualitativen Experiment erprobt werden, die die Ausbildung von Fähigkeiten zum gemeinschaftlich-kommunikativen Aushandeln geschichtskulturellen Sinns besonders befördern. Ziel der Untersuchung ist die Gewinnung von Erkenntnissen in Bezug auf die für das historische Lernen elementare Frage, welche Zusammenhänge zwischen Aufgabenformat und historischen Denkoperationen bestehen und welche Lernergebnisse Schülerinnen und Schüler erzielen können, wenn sie anhand von explizit für das Erschließen geschichtskulturellen Sinns konzipierte Lernaufgaben systematisch an eine kultursemiotische Interpretation geschichtskultureller Objektivationen herangeführt werden.

Key Facts

Keywords:
Lehrerbildung , Fachdidaktik Geschichte , Geschichtsunterricht , Theorie , Empirie , Geschichtskultur , Didaktik der Geschichte , Kultursemiotik
Art des Projektes:
Forschung
Laufzeit:
01/2024 - 06/2027
Beitrag zur Nachhaltigkeit:
Hochwertige Bildung

Detailinformationen

Projektleitung

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Prof. Dr. Olaf Hartung

Theorie und Didaktik der Geschichte

Zur Person
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Prof. Dr. Johannes Meyer-Hamme

Theorie und Didaktik der Geschichte

Zur Person