„Fuß­ball wur­de im­mer wie­der als po­li­ti­sche Büh­ne ge­nutzt“: Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Dr. Re­sul Ka­ra­ca im WM-In­ter­view

 |  Forscher*innenPressemitteilungFakultät für KulturwissenschaftenInstitut für Romanistik

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA ist im vollen Gange. Auch neben dem Geschehen auf dem Platz hat das Turnier bereits für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt. Dr. Resul Karaca ist Wissenschaftler am Institut für Romanistik der Universität Paderborn und erforscht Fußball bereits seit vielen Jahren aus kultur- bzw. literaturwissenschaftlicher Sicht. Im Interview spricht er u. a. über seine Perspektive auf den Fußball, dessen aktuelle und historische Politisierung und die Frage, ob sportliche Großereignisse wie die WM Menschen überhaupt noch vereinen können.

Welche Relevanz hat das Thema „Fußball“ überhaupt für die Kultur- und Literaturwissenschaften? Wieso beschäftigen Sie sich als Romanist damit?

In den Kulturwissenschaften setzen wir uns mit dem Phänomen „Kultur“ auseinander und entwickeln verschiedene Erklärungsansätze für „kulturelle Phänomene“. Der Begriff „Kultur“ lässt sich dabei auf verschiedene Weise definieren, zum Beispiel als diejenigen „Eigenarten und Besonderheiten, die an einem Volk auffallen“. Zu den kulturellen Ausdrucksformen gehören nicht nur Brauchtum, Kunst und Literatur, sondern eben auch gesellschaftliche Freizeit- und Sportpraktiken. Besonders der Fußball hat sich dabei zu einem bedeutenden kulturellen Phänomen entwickelt und ist heute weltweit stark verbreitet. 

Die Romanistik befasst sich mit den aus dem Latein entstandenen Sprachen sowie den dazugehörigen Literaturen und Kulturen. Dazu gehört u. a. die spanische Sprache, die in Südamerika die am meisten gesprochene Sprache ist. Meine Forschung setzt sich mit der Frage auseinander, wie der Fußball im Allgemeinen sowie die zentralen Figuren des argentinischen Fußballs (z. B. der futbolista-pibe, eine idealisierte Figur des jungen Straßenfußballers, und der hincha, der engagierte Anhänger eines Vereins), narrativ konstruiert werden und in welcher Weise diese Konstruktionen an spezifische Orte wie beispielsweise den Bolzplatz gebunden sind. Im Fokus steht dabei Argentinien, einer der Pioniere des südamerikanischen Fußballs. In Argentinien gibt es eine umfangreiche soziologische Forschung, die sich der Fußballfankultur widmet und diese als eine wichtige Subkultur der argentinischen Gesellschaft versteht. Fußball hat hier eine zentrale kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung und prägt Diskurse über Identität, Zugehörigkeit und Nationswerdung. Er fungiert als „Instrument der Nationsbildung“.

Die aktuell laufende Fußball-Weltmeisterschaft wird medial auch von vielen politischen Diskussionen begleitet. Bei den Turnieren 2022 in Katar und 2018 in Russland sah es ähnlich aus. Sind WMs heute politischer, als sie es noch früher waren?

Ohne Frage leben wir in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher Politisierung. Die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen internationaler Konflikte sind längst auch in unserem unmittelbaren Umfeld spürbar. Entsprechend richtet sich das öffentliche Interesse nicht mehr vorrangig auf innenpolitische Entwicklungen, sondern zunehmend auch auf globale und außenpolitische Ereignisse. Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass auch der Fußball als weltweit besonders populäre und gesellschaftlich bedeutende Sportart nicht unberührt von politischen Entwicklungen bleibt. Vielfach wird von Fußballfunktionären betont, der Fußball habe mit Politik nichts zu tun. Ein Blick auf die Geschichte der Weltmeisterschaften zeigt allerdings das Gegenteil: Der Fußball wurde immer wieder als politische Bühne genutzt, und dies keineswegs erst in jüngerer Zeit, etwa 2018 oder 2022. 

Bereits die erste Fußball-Weltmeisterschaft in Europa im Jahr 1934 hat der italienische Diktator Benito Mussolini als propagandistische Bühne genutzt, um Werbung für seine Ideologie sowie seine Vision eines freien und geeinten Italiens zu machen. Die Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien stand ebenso im Zeichen politischer Instrumentalisierung. Während des Turniers befand sich das Land unter der Herrschaft einer Militärdiktatur, die zwischen 1976 und 1983 für systematische Unterdrückung und schwere Menschenrechtsverletzungen berüchtigt war. General Jorge Rafael Videla betrachtete die Weltmeisterschaft im eigenen Land als Möglichkeit, seine nationalistische Ideologie zu stärken und zugleich ein positives Bild Argentiniens im Ausland zu vermitteln. Besonders symbolträchtig: Nur 1.000 Meter trennten das WM-Finalstadion von der Marineschule ESMA, einem Folterzentrum. Es ist also nichts Neues, dass das politische Interesse im Umfeld solcher Großereignisse steigt. Vielmehr fungieren solche Großereignisse schon immer als Schauplätze politischer Selbstdarstellung und symbolischer Inszenierung. 

Befürworter*innen von Veranstaltungen wie der WM sprechen gerne davon, dass der Fußball Einheit schaffen und Menschen vereinen würde. Ist das aus kulturwissenschaftlicher Sicht belegbar?

Fußball-Weltmeisterschaften werden häufig mit einem großen Fest verglichen, das Menschen über nationale, politische und religiöse Grenzen hinweg miteinander verbindet. Feste besitzen tatsächlich eine starke integrative Kraft. Der Soziologe und Ethnologe Émile Durkheim behauptet, dass Gesellschaften bestimmte Momente wie Feste benötigen, in denen ihre Einheit und ihr Zusammenhalt sichtbar werden. Solche Momente bezeichnet er als Formen „kollektiver Erregung“. Durch die Versammlung vieler Individuen entsteht eine besondere soziale Energie, in der Emotionen, Leidenschaften und Triebe gemeinschaftlich zum Ausdruck kommen. Diese kollektiven Ekstasen erfüllen nach Durkheim eine wichtige gesellschaftliche Funktion, da sie zur Stabilisierung und zum Zusammenhalt der Gemeinschaft beitragen. Feste zeichnen sich durch Rituale und ihre regelmäßige Wiederkehr aus. In gewisser Weise bilden Feste einen Gegenpol zum Alltag, da während ihrer Inszenierung gesellschaftliche Regeln und Hierarchien in den Hintergrund rücken.

All dies sind Eigenschaften, die auch dem Fußball zugeschrieben werden. Er kann soziale Zugehörigkeit fördern, kollektive Identitäten stärken und gemeinschaftliche Emotionen erzeugen. Zugleich bietet er Individuen die Möglichkeit, ihre Verbundenheit mit einem bestimmten Territorium zum Ausdruck zu bringen. Also den Wunsch, Teil eines Kollektivs, einer Nation, zu sein. In diesem Sinne fungiert der Fußball als Träger kollektiver Ausdrucksformen und vermittelt Vorstellungen sogenannter „imagined communities“, wie Nationen. 

Mit dem Ende des 20. und dem Beginn des 21. Jahrhunderts setzte aber schließlich auch eine zunehmende Kommerzialisierung und Industrialisierung des Fußballs ein. Spätestens damit ging auch eine kritische Hinterfragung der häufig vertretenen Vorstellung einher, Fußball stifte gesellschaftliche Einheit und verbinde Menschen miteinander. Immer mehr Fans wenden sich aufgrund der Kommerzialisierung des Fußballs von ihren Mannschaften ab, kritisieren das wirtschaftliche Vorgehen der sportlichen Verantwortlichen und empfinden die Entwicklung des modernen Fußballs als Entfremdung von den ursprünglichen Idealen des Sports.

Auch wenn das öffentliche Interesse an Fußball im Rahmen der Weltmeisterschaft 2026 steigt, wirft das Turnier viele Fragen auf. Wirtschaftlich gesehen könnte die Weltmeisterschaft 2026 den von FIFA-Präsident Gianni Infantino formulierten Erwartungen durchaus entsprechen, der das Turnier bereits im Vorfeld als die „größte und beste Weltmeisterschaft aller Zeiten“ bezeichnete. Gleichzeitig werfen die Kommerzialisierung des Turniers, die hohen Ticketpreise sowie die soziale und politische Distanz zwischen den Gastgeberländern die Frage auf, inwiefern eine solche Weltmeisterschaft überhaupt noch das Ideal eines verbindenden globalen Fußballfestes verkörpern kann, das Menschen zusammenführt und langfristig positiv in Erinnerung bleibt.

Über Dr. Resul Karaca

Dr. Resul Karaca ist seit 2015 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Romanistik der Universität Paderborn. Er forscht seit Juli 2021 im Rahmen eines Habilitationsprojekts im Bereich der spanischen Literaturwissenschaft zu Kurzgeschichten über Fußball in Argentinien. Das Land weist eine sehr umfangreiche literarische Auseinandersetzung mit dieser Sportart auf. In seiner kultur- und literaturwissenschaftlich angelegten Analyse zeigt Dr. Karaca, wie Fußball narrativ konstruiert wird und welche Rolle spezifische Figuren und Räume in diesen Darstellungen spielen. Wie der renommierte argentinische Autor von Fußballkurzgeschichten Eduardo Sacheri betont, eröffnet die „Fußballliteratur“ einen Zugang zu jenen inneren Welten, in denen grundlegende menschliche Fragen verhandelt werden. Im Zentrum von Narrationen über Fußball stehen dabei weniger taktische oder sportliche Aspekte als vielmehr existenzielle und emotionale Themen wie Liebe, Freundschaft, Brüderlichkeit sowie Fragen kollektiver Zugehörigkeit und nationaler Identität. Bisher gibt es zur Fußballliteratur und ihrer Bedeutung für die argentinische Kultur bzw. das nationale Selbstverständnis keine differenzierte wissenschaftliche Forschung. Dr. Karacas Arbeit möchte diese Forschungslücke schließen. Sie widmet sich der Untersuchung der Frage, wie Fußball in der argentinischen Literatur dargestellt und verhandelt wird.

„¿11 Amigos?": Popkritik XXIII diskutiert Fußball-WM als popkulturelles und politisches Ereignis

Am Donnerstag, 2. Juli, nimmt Dr. Karaca zudem als Podiumsgast an der „Popkritik“ der Studiengänge „Populäre Musik und Medien“ der Universität Paderborn teil. Unter dem Motto „¿11 Amigos? Fußball & Popkultur” wird dort die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 näher betrachtet und diskutiert. Die Veranstaltung findet ab 18.30 Uhr in der Paderborner Kultkneipe „Sputnik“ statt. Der Eintritt ist kostenlos und eine Anmeldung ist nicht erforderlich. 

Foto (Universität Paderborn, Felix Thielemann): Dr. Resul Karaca erforscht Fußball aus kultur- bzw. literaturwissenschaftlicher Sicht am Institut für Romanistik der Universität Paderborn.

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