De-Konstruktion kontrastiver Zeitzeug:innenerzählungen

Überblick

Zeitzeug:innen zählen zu den populärsten und zugleich ambivalentesten Figuren der Geschichtskultur. Ihre Aussagen sind konstitutiv perspektiviert – zeitlich, biografisch und mitunter ideologisch –, entstehen in einer dialogischen Situation und gewinnen ihre Gestalt erst durch die narrative Verknüpfung und Deutung von Erfahrungen. Lernende rezipieren sie gleichwohl häufig nicht als perspektivierte Re-Konstruktion, sondern als unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit. Die Geschichtsdidaktik beschreibt dieses Phänomen als Authentizitätsfalle: Die „Aura der Authentizität" (Sabrow) lässt die Narration einer einzelnen Person nachhaltiger erscheinen als konkurrierende Deutungsangebote und erschwert deren De-Konstruktion.

In der Diskussion des geschichtsdidaktischen Forschungsstands wird das normative Spannungsfeld von Mono- und Multiperspektivität sichtbar. Vorliegende Studien arbeiten nahezu ausschließlich mit Zeitzeug:innen zur Herrschaft des Nationalsozialismus oder zur Zeit der deutschen Teilung. Dies entspricht der schulischen Praxis, bringt aber Themeneffekte mit sich, die aus dem Vorwissen und bereits bestehenden Konzepten der Lernenden resultieren und die Interaktion vorprägen. Da diese Gegenstände normativ stark aufgeladen sind und Zeitzeug:innen befragt werden, die den moralischen Status einer Opfergruppe beanspruchen können, wird erklärbar, warum eine Mehrheit der Lernenden der »Aura der Authentizität« (Sabrow) erliegt und die Zeitzeug:innenerzählung nicht als re-konstruierte und perspektivierte Narration, sondern als einzig »wahre« Geschichte deutet.

Daraus leitet sich ein doppeltes Desiderat ab. Theoretisch gilt es, Lernende an kontrastive, durch Zeitzeug:innen persönlich vermittelte historische Erzählungen heranzuführen – Multiperspektivität besitzt hier neben der kognitiven auch eine demokratiepädagogische Dimension und zählt mit Blick auf den Beutelsbacher Konsens zu den Grundprinzipien politischer Bildung im Geschichtsunterricht. Methodisch ist zu untersuchen, ob und wie Lernende diese kontrastiven Erzählungen als perspektivierte, rückblickende Narrationen de-konstruieren können.

Die leitende Forschungsfrage lautet entsprechend: Inwiefern zeigen sich reflektierte Geschichtsbegriffe, wenn Schüler:innen nicht mit einer Zeitzeug:in zu einem normativ hoch aufgeladenen Thema, sondern mit zwei Zeitzeug:innen zu einem regional- und alltagsgeschichtlichen Thema konfrontiert werden?

Verorttet wird das für dieses Dissertationsprojekt verwendete Forschungssetting in einem alltags- und lokalgeschichtlichen Themenbereich: die Stationierung niederländischer NATO-Einheiten in Ostwestfalen-Lippe zwischen 1965 und 1995 und das Zusammenleben von Deutschen und Niederländer:innen. Die Vorauswahl zweier Zeitzeug:innen mit unterschiedlichen Hintergründen stellt sicher, dass die Lernenden divergierend geprägte Blicke auf die Stationierungszeit kennenlernen.

Theoretisch schließt das Qualifikationsvorhaben an das FUER-Kompetenzmodell an, in dem die De-Konstruktionskompetenz einen Kernbestand der Methodenkompetenz bildet. Da sich De-Konstruktionskompetenz nicht in isolierbaren Wissenselementen, sondern in komplexen Denkbewegungen manifestiert und epistemologische Überzeugungen erst in kontextgebundenen Denkhandlungen sichtbar werden, ist ein rekonstruktives Verfahren erforderlich.

Das Erhebungsdesign ist in ein Unterrichtsvorhaben eines Geschichtskurses der Sekundarstufe II eingebettet und folgt einem Dreischritt aus Vorbereitungsphase, Projekttag und Reflexion. Die Vorbereitungsphase umfasst zwei Unterrichtsstunden. Nach einer Einführung in das Forschungsvorhaben vervollständigen die Lernenden vier Satzanfänge: »Für mich heißt Migration…«, »Bei Zeitzeug:innen achte ich besonders auf…«, »Geschichte bedeutet für mich…« und »Ziel des Geschichtsunterrichts ist…«. Diese Vorerhebung erfasst zentrale Vorstellungen und Begriffe der Schüler:innen und ist zugleich für deren spätere Selbstreflexion bedeutsam, da sie den Bezugspunkt der abschließenden Diagnoseaufgabe bildet. Nach der Erarbeitung der historischen Hintergründe – NATO-Stationierungen in der Region sowie deren soziale und wirtschaftliche Folgen – verfassen die Lernenden einen ersten zusammenfassenden Essay, in dem sie erklären sollen, warum niederländische NATO-Soldaten in Ostwestfalen-Lippe stationiert waren und wie Deutsche und Niederländer:innen zusammengelebt haben.

Der Projekttag bildet das Zentrum des Vorhabens. Hier findet die Zeitzeug:innenbefragung statt, in der die Lernenden die Deutungen nicht nur rezipieren, sondern aktiv Fragen stellen können. Die Gespräche werden bewusst nacheinander und nicht als Podiumsdiskussion geführt, damit keine einseitige Beeinflussung etwa durch ein dominanteres Diskussionsverhalten eintritt. Im Anschluss diskutieren die Lernenden die Ergebnisse und verfassen in Einzelarbeit einen Bericht, der über den Projekttag informiert und dabei die Aussagen beider Zeitzeug:innen berücksichtigt. 

Danach folgt schließlich eine Refexion: Die Lernenden erhalten ihre zuvor verfassten Texte und Materialien ausgehändigt und sollen selbst diagnostizieren, inwiefern sich ihr Denken und ihr Blick auf das Thema verändert haben. Erkenntnisleitend für die Untersuchung sind dabei zwei Fragen: Inwieweit werden die Aussagen der Zeitzeug:innen begründend für eine Veränderung angeführt, und haben sich epistemologische Überzeugungen – etwa der implizite Geschichtsbegriff oder die Wahrnehmung von Zeitzeug:innen – verändert? Diese zugleich inhaltliche und metakognitive Reflexion erlaubt einen doppelten Zugriff: Sie gibt Aufschluss darüber, wie die Lernenden selbst die Veränderungen einschätzen, und ermöglicht zu prüfen, inwiefern sich die selbst festgestellten Veränderungen mit dem decken, was in den Texten nachvollziehbar wird.

Am Folgetag werden mit acht bis zehn ausgewählten Lernenden Leitfadeninterviews geführt. Sie zielen auf eine vertiefte Rekonstruktion individueller Lernprozesse und fokussieren die Rolle der Zeitzeug:innen beim historischen Lernen, um Triftigkeiten und Beliefs der Lernenden zu ermitteln sowie narrative Strukturen zu identifizieren, die möglicherweise von den Zeitzeug:innen übernommen wurden.

Die skizzierte Studie zielt darauf, die bislang eher wirkungsorientierte Forschung zur Zeitzeug:innenarbeit um eine individualprozessorientierte Perspektive zu erweitern.

Auswahlliteratur
Bertram, Christiane (2017): Zeitzeugen im Geschichtsunterricht. Chance oder Risiko für historisches Lernen? Eine randomisierte Interventionsstudie (Zugl.: Tübingen, Univ., Diss.) [Geschichtsunterricht erforschen, Bd. 6], Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
Henke-Bockschatz-Gerhard (2014): Oral History im Geschichtsunterricht. Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag.
Lücke, Martin (2012): Multiperspektivität, Kontroversität, Pluralität. In: Barricelli, Michele / Ders. (Hrsg.): Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts (Band 2), Schwalbach/Ts.: Wochenschau-Verlag, S. 281-288.
Meyer-Hamme, Johannes (2009): Historische Identitäten und Geschichtsunterricht.
Fallstudien zum Verhältnis von kultureller Zugehörigkeit, schulischen Anforderungen und individueller Verarbeitung [Schriften zur Geschichtsdidaktik, Bd. 26]. Idstein: Kirchner-Verlag.
Meyer-Hamme, Johannes (2012): Subjektorientierte historische Bildung. Geschichtslernen in der Auseinandersetzung mit widersprüchlichen Deutungsangeboten zur DDR- Geschichte. In: Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung. URL: www.bpb.de/themen/deutschlandarchiv/139259/subjektorientierte- historische-bildung/. Zuletzt abgerufen am: 04.12.2024.
Mierwald, Marcel (2020): Historisches Argumentieren und epistemologische Überzeugungen.
Eine Interventionsstudie zur Wirkung von Lernmaterialien im Schülerlabor (Zugl.: Bochum, Univ., Diss., 2019). Wiesbaden: Springer-VS.
Petrik, Andreas (2013): Von den Schwierigkeiten ein politischer Mensch zu werden. Konzept zur Praxis einer genetischen Politikdidaktik [Studien zu Bildungsgangforschung, Bd. 12], 2. erw. und akt. Auflage. Opladen, Berlin, Toronto: Verlag Barbara Budrich.
Petrik, Andreas (2021): Fachdidaktische Argumentationsanalyse: Die Prämissenreflexion als Kern politischer Konfliktlösung und Urteilsbildung. In: Ders. / Jahr, David / Hempel, Christopher (Hrsg.): Methoden der qualitativen Politikunterrichtsforschung. Frankfurt/M.: Wochenschau-Verlag, S. 189-221.
Schrader, Viola (2021): Historisches Denken und sprachliches Handeln. Eine qualitativ- empirische Untersuchung (Zugl.: Münster (Westf.), Univ., Diss., 2020) [Geschichte und historisches Lernen, Bd. 20]. Berlin: Lit.-Verlag.
Sonntag, Philipp (2023): Erinnerungskultur. Die gesellschaftliche Rolle von Zeitzeugen. Berlin: Frank & Timme Verlag.

Key Facts

Art des Projektes:
Forschung
Laufzeit:
08/2024 - 07/2028

Detailinformationen

Projektleitung

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Patrick Kamps

Theorie und Didaktik der Geschichte

Zur Person
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Prof. Dr. Johannes Meyer-Hamme

Theorie und Didaktik der Geschichte

Zur Person