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Der Campus im Frühling. Bildinformationen anzeigen

Der Campus im Frühling.

Foto: Universität Paderborn, Kamil Glabica.

| Mitteilung

Auch das kann Uni sein – Internationale Exkursion zu KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

14 Studierende der Partneruniversitäten Paderborn und Ostrava (Tschechien) haben die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau in Polen besucht.

Ermöglicht und gefördert wurde die Exkursion durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, die Universität Paderborn und den Allgemeinen Studierendenausschuss (ASTA) der Universität Paderborn. Organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltung durch Dr. Julia Gruhlich, Dozentin in der Soziologie an der Universität Paderborn, und Dr. Nicole Horáková Hirschlerová, Lehrstuhlleiterin der Soziologie an der Universität Ostrava (Tschechien).

Der Besuch der KZ-Gedenkstätte verfolgte zwei Ziele. Erstens diente sie dazu, Berührungsängste abzubauen, die mit dem Thema Holocaust verbunden sind, und die strukturellen Bedingungen von individueller Verantwortung, Gehorsam und Widerstand zu diskutieren, die in den der Exkursion vorausgehenden Soziologieseminaren gemeinsam theoretisch erarbeitet wurden. Besonders beschäftigten sich die Studierenden mit der nach wie vor wichtigen Frage, warum während der Zeit des Nationalsozialismus so viele Deutsche bereit waren, sich an der Massenvernichtung von Menschen aktiv zu beteiligen. Den Leiterinnen der Seminare ging es darum, die Mechanismen zu erkennen, die Menschen zu solchen Taten verleiten, und auf diese Weise zu verhindern, dass Genozide sich wiederholen. Darüber hinaus strebten die Seminarleiterinnen den interkulturellen Austausch zwischen Deutschland und seinen östlich gelegenen Nachbarländern an. Denn an die Opfer des Nationalsozialismus wird in den Staaten Europas unterschiedlich erinnert. Die Unterschiede in den nationalen Erinnerungskulturen zu erkennen vergrößert auch das Verständnis zwischen den europäischen Staaten.

Vor Ort haben die Studierenden die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau in der polnischen Stadt Oświęcim besucht, die an das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus erinnert, in dem etwa 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden. Im Anschluss an die Gedenkstättenbesuche folgten die Studierenden den Spuren jüdischen Lebens in den Städten Auschwitz und Krakau.

Internationaler Austausch funktioniert nur in vertrauensvoller Atmosphäre und nicht immer reibungslos. Neben den offensichtlichen Sprachbarrieren gab es auch weniger sichtbare kulturelle Unterschiede, die in den Diskussionen zum Tragen kamen. So stellten die tschechischen Studierenden fest, dass die deutschen Studierenden ihre Meinung sehr entschieden und selbstbewusst formulierten, während sie eher zurückhaltend agierten. Gedeutet und erklärt wurde dies unter anderem mit den unterschiedlichen national geprägten Bildungserfahrungen, die jeweils unterschiedliche Diskussionskulturen prägen. Während in Tschechien eher autoritäre Lehrsituationen dominieren und Lehrpersonen viel Respekt gezollt wird, hatten die Studierenden aus Deutschland die Erfahrung gemacht, in Schule und Universität relativ viel Raum zum Diskutieren und Infragestellen zu haben. Doch insgesamt überwog bei den Studierenden der Eindruck, sich gut miteinander verständigen zu können. Ein Student drückte dies so aus: „For me it was interesting to meet young people from Czech Republic and Germany and to see that there are more common than dividing moments.” Eine andere Studentin ergänzt: “I liked the exchange with a group from a country with a totally different history and this perspective on the holocaust. I learned not only about their perspectives and opinions, but also how to discuss sensitive topics in an international group.”

Was bringt ein Besuch in der Gedenkstätte? Mieczysław Kieta, ein überlebender Insasse aus Auschwitz, schrieb in seiner Einleitung zu Wislawas Kielars Buch „Anus Mundi“ (Übersetzt: Arsch der Welt), dass das Konzentrationslager Auschwitz – ebenso wie andere Vernichtungslager – besonders für die Nachgeborenen nicht mehr als ein fernes Symbol sein wird, „tragisch, aber ohne menschliche Nähe, tot wie eine Grabplatte“. Nach der Exkursion ist für die TeilnehmerInnen jedoch klar: Auschwitz ist kein stummes Grab, sondern ein wirkmächtiges Mahnmal, das aus leeren Begriffen wieder etwas Greifbares, Nahes und Lebendiges, aber zugleich auch unvorstellbar Schreckliches werden lässt. Aus einer anonymen Masse werden wieder Menschen mit einzelnen Geschichten und individuellen Schicksalen. Der Besuch hinterließ tiefe Eindrücke, die die Studierenden in Form kleiner Gedichte (Elfchen) festhielten. Besonders betroffen machten die Schicksale der Kinder, die der Vernichtung ebenfalls nicht entgingen: Children/Drew pictures/With no future/All touched our soul/Hopeless

Aus diesen dichten, intensiven fünf Tagen bleibe, so die Studierenden einhellig, die Erinnerung an sehr emotionale, traurige und interessante Momente sowie die Gewissheit, dass das Gedenken und der interkulturelle Austausch über die Erinnerungen den sozialen Zusammenhalt in Europa verbessern können. „Dass Auschwitz sich nicht wiederholt, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern etwas, woran es immer wieder zu arbeiten und zu erinnern gilt. Dafür haben die Leiterinnen der Exkursion ein tolles Konzept erarbeitet“, unterstreichen die Studierenden. „Exkursionen an konkrete Orte“, so auch Dr. Julia Gruhlich, „sind ein wesentlicher Bestandteil der universitären Lehre und tragen dazu bei, den Gegenwartsbezug von Wissenschaft erfahrbar zu machen“.
 

Text: Dr. Julia Gruhlich
Universität Paderborn
Fakultät für Kulturwissenschaften
Fach Soziologie

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