Die Erfindung der ›Religion‹ im 16. Jahrhundert
Überblick
Zu den wichtigsten Instrumenten des geschichtswissenschaftlichen Forschens gehören die Begriffe. Dies mag verwundern, denn augenscheinlich verwenden HistorikerInnen alltägliche Worte. Anders als in den Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften treten in geschichtswissenschaftlichen Texten selten unverständliche Fachtermini auf den Plan. Doch besitzen viele dieser Begriffe ein Janusgesicht, dessen zweite Seite selbst ein professionell Forschender gelegentlich übersieht.
›Religion‹ ist einer diese Begriffe.
Als scheinbar selbstevidenter Sammelbegriff ist er im alltäglichen Sprachgebrauch unersetzlich, doch nicht nur dort – für die Frühneuzeitforschung ist dies ebenso der Fall. Hie wie dort wird der Religionsbegriff objektsprachlich verwendet, teilweise auch normativ. Im Alltag ist dies zulässig, wenn auch keinesfalls unproblematisch. In der Wissenschaft hingegen sollte die Art des Begriffsgebrauchs mitbedacht und kenntlich gemacht werden. Die Beobachtung, dass wohl kaum eine Publikation zur Frühneuzeitgeschichte ohne den Religionsbegriff auskommt, macht diesen Anspruch virulent. Noch drängender wird der Aufruf zur metasprachlichen Reflexion angesichts der Tatsache, dass in den Anfängen der Frühen Neuzeit auch der Beginn gegenwärtiger ›Religion‹ zu suchen ist. So konnte die historische Lexikographie nachweisen, dass das Wort ›Religion‹ erst im 16. Jahrhundert Einzug in die deutsche Volksprache hielt. Dieser sprachgeschichtliche Befund ist bisher nicht erklärt. Wie und warum entstand etwas – oder besser: wurde etwas sprachlich konstituiert –, das heute vielen als eine Selbstverständlichkeit, ja als menschliche Universalie gilt?
Die Offenlegung der Geschichtlichkeit(en) von ›Religion‹ ist das Anliegen dieses Promotionsvorhabens. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf die für den Religionsbegriff angenommene Formierungsphase im 16. Jahrhundert. Für die angestrebte begriffsgeschichtliche Untersuchung wird die historische Pragmatik des Religionsbegriffs als die entscheidende Analysekategorie betrachtet. Der Ansatz besteht darin, eine texthermeneutische Analyse mit historischen Kontextualisierungen so zu verbinden, dass die gewonnenen Befunde historisch plausibilisiert werden können. Als Leitfragen der Fallanalysen ergibt sich daraus: Welche Problemlösungspotentiale sahen die zeitgenössischen Akteure mit der Einführung und Nutzung des Wortes ›Religion‹? Wann, wie und in welchem sozial-historischen Kontext wurden diese Probleme wie gelöst (oder nicht gelöst) und welcher Art waren diese Probleme? Bei den Quellen, an die sich diese Fragen richten werden, wird es sich überwiegend um Drucke des 16. Jahrhunderts handeln, die wegen ihres prägenden Einflusses auf die entstehende Öffentlichkeit und ihrer weiten Verbreitung einen Zugang zu den tatsächlich kursierenden Begriffsinhalten eröffnen können.
Für eine strukturgeschichtliche Einordnung der Ergebnisse sind bereits vorhandene Erklärungsmodelle der Frühneuzeitforschung auf ihre Tragfähigkeit hin zu überprüfen. Die vorgeschlagene induktive Vorgehensweise erlaubt es, den Nutzen von Konzepten wie ‚Konfessionsbildung‘, ‚Konfessionalisierung‘, ‚Gegenreform‘, ‚Konfessionskulturen‘ etc. im Brennglas des Religionsbegriffes neu zu durchdenken und ggf. zu modifizieren. Die Offenlegung der historisch-pragmatischen Dimensionen des Religionsbegriffes verspricht zugleich Antworten auf die Frage nach dessen gegenwärtiger Unbestimmbarkeit.
Key Facts
- Keywords:
- Begriffsgeschichte , Religion , Frühe Neuzeit , Historische Semantik
- Art des Projektes:
- Forschung
- Laufzeit:
- 01/2026 - 01/2031
- Übergeordnetes Projekt:
- Der Begriff der "Religion" in der Frühen Neuzeit