En­twicklung der Nach­haltigkeitsstrategie

Orientierungsrahmen statt Maßnahmenkatalog
Die vorliegende Nachhaltigkeitsstrategie weicht von einer „klassischen“ Strategie ab, die typischerweise mit verbindlichen Maßnahmen, quantitativen Kennzahlen und festen Meilensteinen einhergeht. Unsere Strategie versteht sich als Orientierungsrahmen für eine auf unser Nachhaltigkeitsverständnis ausgerichtete Entwicklung der Universität. Aus dieser Ausrichtung ergeben sich der Aufbau aus strategischen und operativen Zielstellungen sowie die zwölf Handlungsfelder, die den Gestaltungsraum abstecken, ohne einzelne Schritte verbindlich vorzuschreiben.
An die Stelle eines Maßnahmenkatalogs treten Impulse. Diese sind als Anregungen zu verstehen, die eine Grundlage dafür bilden, mit den verantwortlichen Bereichen ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu lernen und Entwicklungen hin zu einer zukunftsfähigen Universität voranzubringen. Ein Impuls bildet somit einen Ausgangspunkt, der in den jeweiligen Bereichen aufgegriffen, an die dortigen Bedingungen angepasst und im Dialog weiterentwickelt wird, während eine abschließende Festlegung des Vorgehens damit nicht verbunden ist.
Daraus ergibt sich ein prozessuales Strategieverständnis, das die Strategie als Rahmung und gemeinsamen Entwicklungsleitfaden begreift. Sie fungiert als Grundlage, an der sich die Bereiche der Universität orientieren und die im Dialog fortlaufend konkretisiert wird. Als fester Ablaufplan, der einzelne Schritte zeitlich und inhaltlich vorgibt, ist die Strategie damit gerade nicht angelegt. Ihre Wirkung entfaltet sich dort, wo die Impulse in den verantwortlichen Bereichen aufgegriffen und in eigenständiges, abgestimmtes Handeln überführt werden.

Wesent­lich­keit­s­prozess

Zu Beginn des Strategieprozesses hat sich die Universität Paderborn bewusst entschieden, die Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie in Anlehnung an das strategische Vorgehen der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die damit einhergehende thematische Struktur der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) zu nutzen.        
Damit folgt die Universität einem Vorgehen, das sich an den Berichts- und Steuerungsstandards großer Kapitalgesellschaften in Europa orientiert und dieses methodisch auf den Hochschulkontext überträgt.

Obwohl die rechtlichen Vorgaben in Nordrhein-Westfalen derzeit lediglich grundlegende Anforderungen an die Erstellung von Klimadaten über die Klimaneutrale Landesverwaltung (KNLV) an Hochschulen stellen, ermöglicht dieser gewählte Ansatz, die wesentlichen Nachhaltigkeitsauswirkungen, Risiken und Chancen der Universität Paderborn systematisch, zukunftssicher und vergleichbar zu erfassen. Ziel ist es, die größten Hebel der Universität zu identifizieren und Nachhaltigkeit im Sinne des hochschuleigenen Verständnisses strategisch zu fördern.

Durch die Wahl eines partizipativen Prozesses und die aktive Einbindung zentraler Anspruchsgruppen wird die Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie auf ein ganzheitliches und lernorientiertes Fundament gestellt. Dieser Ansatz stärkt die Transparenz, Legitimation und Wirksamkeit der Strategie und verankert Nachhaltigkeit als gemeinsame Verantwortung aller Mitglieder der Universität Paderborn.

Vorgehen im Wesentlichkeitsprozess

Das Vorgehen im Wesentlichkeitsprozess der Universität Paderborn orientierte sich an den methodischen Leitlinien der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und wurde auf den Hochschulkontext übertragen. Ziel war es, die wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen der Universität systematisch zu identifizieren und nach Relevanz, Wirkung und Einflussmöglichkeiten zu priorisieren.

Zu Beginn wurde der Rahmen des Prozesses festgelegt. Dazu gehörte die Bestimmung der zu berücksichtigenden Themenbereiche, die Definition der Stakeholder*innen sowie die Festlegung der universitären Wertschöpfungskette, die die zentralen Prozesse und Wechselwirkungen der Universität abbildet. Diese Wertschöpfungskette wurde als Input-Primäraktivität-Output-Modell konzipiert: Sie beschreibt den Ressourceneinsatz (Input), die zentralen Aktivitäten von Lehre, Forschung und Transfer (Primäraktivität) sowie deren Ergebnisse und Wirkungen über die Grenzen der Universität hinaus (Output).

Im nächsten Schritt wurde eine Themenauswahl vorgenommen. Grundlage dafür bildete eine umfassende Longlist mit 77 Themen, die aus den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) und dem STARS Technical Manual (Sustainability Tracking, Assessment & Rating System, 2016) zusammengestellt wurde.
Diese Themen wurden zunächst gesammelt, um ein möglichst breites Spektrum potenziell relevanter Nachhaltigkeitsaspekte für Hochschulen abzubilden. Anschließend wurde die Longlist unter der Fragestellung gefiltert, welche Themen die Universität Paderborn aktiv beeinflussen kann.        
Aus diesem Prozess entstand eine Shortlist mit 20 Themen, die als Grundlage für die nachfolgenden Analysen diente. Diese Themen bilden sowohl Aspekte ab, bei denen die Universität selbst Einfluss auf eine nachhaltige Entwicklung ausübt (Inside-Out-Perspektive), als auch solche, bei denen externe Faktoren die Universität betreffen (Outside-In-Perspektive).

Darauf folgte die Erfassung der Auswirkungen, Risiken und Chancen (Datenerfassung Abb. 2). Zur Erfassung der Auswirkungen fand ein Impact-Workshop (Impact materiality) mit der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit statt. Hier wurde untersucht, welche positiven und negativen Auswirkungen die Universität Paderborn auf die jeweils betrachteten Themen hat. Die Betrachtung erfolgte entlang der zuvor definierten Wertschöpfungskette. Den Teilnehmer*innen wurden themenspezifische Themenkarten mit Beschreibungen, Herausforderungen und Schlüsselbegriffen zur Verfügung gestellt, um ein gemeinsames Grundlagenverständnis zu schaffen und eine vergleichbare Einschätzung der Themen zu ermöglichen. Zur Dokumentation der Ergebnisse wurden Impact-Sheets eingesetzt, die in heterogenen Gruppen bearbeitet wurden. Insgesamt konnten so über alle 20 Themen hinweg 200 positive und negative Auswirkungen identifiziert werden.    

Die Bewertung der gesammelten Impacts erfolgte in Anlehnung an die Definition der Wesentlichkeit nach ESRS:

„Ein Nachhaltigkeitsaspekt ist hinsichtlich der Auswirkungen wesentlich, wenn er sich auf die kurz-, mittel- und langfristigen wesentlichen tatsächlichen oder potenziellen, positiven oder negativen Auswirkungen der ‚Universität‘ auf Menschen oder die Umwelt bezieht. Ein wesentlicher Nachhaltigkeitsaspekt aus der Wirkungsperspektive umfasst Auswirkungen im Zusammenhang mit der eigenen Tätigkeit und der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette.“ (First Set of Draft ESRS, 2023; eigene Übersetzung)

Die 200 erfassten Auswirkungen wurden anschließend digitalisiert und in einem Formularsystem kategorisiert. Die Analyse und Gewichtung erfolgte durch das Nachhaltigkeitsbüro, das die einzelnen Auswirkungen anhand mehrerer Faktoren bewertete: Wertschöpfungsstufe, zeitliche Dimension (aktuell oder zukünftig), Wirkungsdauer (kurz-, mittel- oder langfristig), Beabsichtigung (intendiert oder unbeabsichtigt) sowie Schweregrad und Umfang der Auswirkungen. 
So konnte für jedes Themengebiet eine nach Relevanz und Wirkung sortierbare Bewertung erstellt werden.

Im Anschluss fand ein Szenario-Workshop zur Erfassung von Risiken und Chancen auf Grundlage einer Foresight-Analyse statt. Ergänzend wurde eine Status-quo-Analyse der Lehrveranstaltungen und Forschungsaktivitäten mit Nachhaltigkeitsbezug (2024) durchgeführt, um bestehende Stärken und Entwicklungspotenziale zu erfassen.

Die darauffolgende Datenanalyse und Konsolidierung führte zu einer systematischen Zusammenführung der wesentlichen Themen aus der Impact-Erfassung, dem Szenario-Workshop und der Status-Quo-Analyse.
Darauf aufbauend wurden Anknüpfungspunkte zu bestehenden Organisationsstrukturen, -prozessen und -strategien der Universität herausgearbeitet.      

Die im Prozess gesammelten Erkenntnisse bildeten schließlich die Grundlage für die Definition von zwölf zentralen Themenschwerpunkten, die im weiteren Verlauf als Handlungsfelder bearbeitet und in die strategische sowie operative Zielstruktur überführt wurden:

  1. Forschung

  2. Lehre

  3. Transfer

  4. Entrepreneurship

  5. Öffentlichkeit

  6. Klimaschutz und Betrieb

  7. Beschaffung

  8. Biologische Vielfalt

  9. Kreislaufwirtschaft

  10. Campus

  11. Arbeitsbedingungen

  12. Institutionelle Verankerung

Damit konnte der erste Teil des Wesentlichkeitsprozesses erfolgreich abgeschlossen werden:
Positive und negative Auswirkungen wurden identifiziert, Risiken und Chancen bewertet und die Grundlage für die strategische Zielentwicklung gelegt. Die konsolidierten Ergebnisse flossen dann in die Erarbeitung der strategischen und operativen Ziele ein, die den Kern der Nachhaltigkeitsstrategie der Universität Paderborn bilden.

Par­tiz­ip­at­ive Strategieentwicklung

Auf Basis der Wesentlichkeitsanalyse wurden die zwölf Handlungsfelder mit inhaltlichen Schwerpunkten definiert, die im weiteren Verlauf der Nachhaltigkeitsstrategie partizipativ ausgearbeitet werden. Für diese Themen wurden Expert*innen innerhalb der Universität Paderborn sowie angrenzender Anspruchsgruppen (u. a. Studierendenwerk) identifiziert. Das Nachhaltigkeitsbüro erarbeitete daraufhin erste Entwürfe für strategische Ziele, operative Ziele und Impulse je Handlungsfeld und führte parallel bzw. im Anschluss vertiefende Expert*innen-Gespräche, in denen die Entwürfe gespiegelt, konkretisiert und um fachliche Perspektiven ergänzt wurden.

Die so angereicherten Zielentwürfe wurden im nächsten Schritt in einem ersten Weiterentwicklungszyklus in die AG Nachhaltigkeit zurückgespiegelt. Dort erfolgten eine ausführliche Kommentierung und Überarbeitung der vorgeschlagenen Ziele und Impulse. Auf Grundlage dieser Rückmeldungen erstellte das Nachhaltigkeitsbüro einen konsolidierten Gesamtentwurf der Nachhaltigkeitsstrategie, der in einer zweiten Entwicklungsstufe erneut mit der AG Nachhaltigkeit diskutiert und geschärft wurde.

Die vorliegende Nachhaltigkeitsstrategie ist somit das Ergebnis eines strategischen, partizipativen Entwicklungsprozesses, der die Perspektiven der relevanten Akteur*innen der Universität Paderborn sowie angrenzender Anspruchsgruppen systematisch einbezieht und in eine konsistente Ziel- und Handlungsstruktur überführt. Der mit dem Strategiepapier vorliegende Stand markiert dabei keinen Abschluss, sondern den Beginn einer vertieften gemeinsamen Entwicklungsphase. 

Durch die verfügbaren Ressourcen und priorisierten Fokusfragen wurde in dieser ersten Phase ein tragfähiger Orientierungsrahmen geschaffen. Zugleich eröffnet die Strategie Raum für weitere Beteiligung, fachliche Vertiefung und bereichsübergreifende Vernetzung in den kommenden Jahren. Sie ist als lebendiges Rahmenwerk zu verstehen, das kontinuierlich im Dialog mit den relevanten Akteur*innen weiterentwickelt wird. Auf diese Weise schafft sie eine verbindliche Grundlage für gemeinsames Lernen, abgestimmtes Handeln und die langfristige Transformation der Universität Paderborn hin zu mehr Nachhaltigkeit.

Wirk­mon­it­or­ing

Die Wirkung der Nachhaltigkeitsstrategie der Universität Paderborn entfaltet sich durch einen gemeinsamen, lernenden Prozess, der durch Kooperation, Austausch und stetige Weiterentwicklung geprägt ist. Eine Kultur der Reflexion, Teilhabe und Mitgestaltung wird dabei kontinuierlich überprüft und gestärkt. Auf Grundlage der zwölf Handlungsfelder bildet die Strategie einen Orientierungsrahmen; die gesetzten strategischen und operativen Zielrichtungen werden durch jährliche qualitative und quantitative Rückkopplungen stetig weiterentwickelt.

Für die Transparenz dieser Rückkopplungen gegenüber der gesamten Universitätsgemeinschaft wird die Webseite „Nachhaltigkeit an der Universität Paderborn" kontinuierlich aktualisiert. Das Wirkmonitoring erfolgt in Anlehnung an die Empfehlung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Steuerung über regelmäßige, partizipative Evaluationen und ein kontinuierliches Monitoring aller Leistungsbereiche zu gestalten. 

Qualitatives Wirkmonitoring (partizipativ)

Das qualitative Wirkmonitoring folgt einem offenen, partizipativen Ansatz. In den Sitzungen der AG Nachhaltigkeit werden bestehende Impulse der Strategie im Hinblick auf ihre Wirksamkeit, ihren Umsetzungsstand, ihre Anschlussfähigkeit und ihre Relevanz überprüft. Dabei werden Fortschritte, Herausforderungen und neue Entwicklungen innerhalb der zwölf Handlungsfelder gemeinsam diskutiert. In diesen kontinuierlichen Schleifen werden Anregungen aus den Fakultäten, der Verwaltung, studentischen Initiativen sowie externen Netzwerken aufgenommen. Bestehende Impulse werden gemeinsam priorisiert und bei Bedarf nachgeschärft oder fortgeschrieben, sodass die Strategie flexibel auf neue Erkenntnisse und Bedarfe reagieren kann. Das qualitative Wirkmonitoring dient damit der inhaltlichen Fortführung der strategischen Zielrichtungen ebenso wie der Stärkung von Austausch, Partizipation und Vernetzung zwischen allen Akteur*innen der Universität Paderborn.

Quantitatives Wirkmonitoring (betrieblich)

Die betriebliche Dimension der Nachhaltigkeitsstrategie wird durch ein quantitatives Wirkmonitoring begleitet. In praxisnahen Bereichen, insbesondere Klimaschutz, Energie und Beschaffung, werden relevante Entwicklungen anhand messbarer Kennzahlen dokumentiert. Als verbindlicher, landesweit geltender Rahmen dient hierbei die Klimaneutrale Landesverwaltung Nordrhein-Westfalen (KNLV). Sie gliedert sich in die universitäre Nachhaltigkeitsstrategie ein und stellt ein verpflichtendes quantitatives Überprüfungsinstrument für betriebliche Nachhaltigkeitsaspekte dar. Die im Rahmen dieses Instruments erhobenen Daten und Indikatoren liefern eine objektive Grundlage, um Fortschritte im betrieblichen Bereich einzuordnen und zu reflektieren. Die Ergebnisse werden in die Impulsdurchsicht der AG Nachhaltigkeit eingebracht und dort gemeinsam mit den qualitativen Einschätzungen diskutiert. Eine formale Berichtspflicht gegenüber der Hochschule ergibt sich daraus nicht; vielmehr dienen die Kennzahlen als transparente Orientierungshilfe für die partizipative Weiterentwicklung der Strategie.

Fünfjahresrahmen und Fortschreibung

Die zwölf Handlungsfelder bilden den verbindlichen Rahmen für die strategische Entwicklung der nächsten fünf Jahre. Nach Ablauf einer ersten Fünfjahresperiode erfolgt eine übergreifende Strategiedurchsicht, die die Ergebnisse und Erfahrungen der vergangenen Jahre qualitativ und, wo möglich, quantitativ auswertet. Daran anschließend wird, falls erforderlich, eine neue Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt, um die thematischen Schwerpunkte, Chancen und Risiken der Universität Paderborn im Bereich Nachhaltigkeit erneut zu bewerten. Diese Analyse bildet die Grundlage für die Fortschreibung der Nachhaltigkeitsstrategie und die Definition der Schwerpunkte der folgenden Periode.

Kommunikation und Verstetigung

Die Ergebnisse der Impulsdurchsicht werden hochschulöffentlich kommuniziert, etwa über öffentliche Veranstaltungen, interne Kommunikationskanäle oder thematische Plattformen sowie über die Webseite „Nachhaltigkeit an der Universität Paderborn". Die AG Nachhaltigkeit bleibt dauerhaft das zentrale Steuerungs- und Beteiligungsgremium im Bereich Nachhaltigkeit der Universität. Sie vernetzt Akteur*innen aus Wissenschaft, Verwaltung und Studierendenschaft, bündelt Expertise und trägt zur qualitativen Weiterentwicklung der Strategie bei. Ihre Zusammensetzung bleibt bewusst offen, um kontinuierlich neue Perspektiven, Fachkompetenzen und Ideen einzubringen. Die institutionelle Kontinuität und strategische Steuerung werden über das Nachhaltigkeitsbüro gesichert, das Koordination, Begleitung und inhaltliche Konsistenz der Prozesse sicherstellt.

Leitgedanke

Wirkung entsteht dort, wo Menschen gemeinsam gestalten, reflektieren und Verantwortung übernehmen.
Das Wirkmonitoring der Universität Paderborn dient als Steuerungs- und Reflexionsinstrument, das die kontinuierliche Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie durch gemeinsames Lernen, Austausch und Partizipation sicherstellt.