Achtung:

Sie haben Javascript deaktiviert!
Sie haben versucht eine Funktion zu nutzen, die nur mit Javascript möglich ist. Um sämtliche Funktionalitäten unserer Internetseite zu nutzen, aktivieren Sie bitte Javascript in Ihrem Browser.

Der Campus im Frühling. Bildinformationen anzeigen

Der Campus im Frühling.

Foto: Universität Paderborn, Kamil Glabica.

| Pressemitteilung

Sinnvolle Regeln für Unternehmenstransparenz

Seit über 50 Jahren fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) langfristige Projekte in Form von Sonderforschungsbereichen (SFB). In diesen Programmen betreiben Wissenschaftler*innen fächer- und hochschulübergreifend Grundlagenforschung, die für die antragstellenden Hochschulen schwerpunkt- und strukturbildend ist. An der Universität Paderborn werden aktuell vier Sonderforschungsbereiche geleitet. Welche Ziele die Wissenschaftler*innen darin verfolgen, wird in dieser Themenreihe vorgestellt.

Wirtschaftswissenschaftler*innen untersuchen die Auswirkungen steuerlicher Regulierung und der Regulierung von Unternehmensberichterstattung

Empörung über Bilanzskandale und Berichte darüber, dass bestimmte Konzerne nur geringe Steuern zahlen oder bewusst Steueroasen nutzen, beherrschen immer wieder die Schlagzeilen. Die Finanzkrise, der Leak der „Paradise“ und „Panama Papers“ sowie Diskussionen über Bilanzbetrug und Steuerfairness brachten die Themen Unternehmenstransparenz und Steuergerechtigkeit wieder international auf die Tagesordnung. Als Reaktion erließ die Politik neue Gesetze und Berichtspflichten, die für mehr zugängliche Informationen sorgten. Die Wirtschaft stöhnt allerdings unter der Last von immer mehr Berichtspflichten und Bürokratie. Unklar ist, ob diese neuen Pflichten und der Druck der Öffentlichkeit überhaupt dazu beitragen, dass Unternehmen transparenter werden und ob die regulatorischen Maßnahmen einschließlich des Steuersystems handhabbar und wirksam sind. Dem gehen Wissenschaftler*innen in einem von der Universität Paderborn geleiteten Sonderforschungsbereich (SFB) zusammen mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Mannheim und Forschenden von weiteren Universitäten auf den Grund.

Der SFB „TRR 266 Accounting for Transparency“ startete im Juli 2019 und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft für zunächst vier Jahre mit rund 12 Millionen Euro gefördert. Er ist der deutschlandweit erste Sonderforschungsbereich mit betriebswirtschaftlichem Schwerpunkt. In ihm forschen rund 80 Wissenschaftler*innen von acht deutschen Universitäten. Neben den oben genannten Institutionen sind dies weitere Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Goethe-Universität Frankfurt am Main, der Frankfurt School of Finance & Management, der WHU - Otto Beisheim School of Management sowie der European School of Management and Technology Berlin.

„In unserem SFB arbeiten wir in 23 Teilprojekten. Wir in Paderborn sind an 13 Projekten beteiligt. In zumeist standortübergreifenden Teams nehmen wir Regulierung, also Gesetze oder auch steuerliche und nichtsteuerliche Berichtspflichten und Rahmenbedingungen, sowie unterschiedliche Bereiche des Rechnungswesens wie das Berichtswesen oder das Controlling weltweit in den Blick. So wollen wir erforschen, inwiefern Regulierung Unternehmen dazu bringt, transparenter zu werden und welche Folgen die Regulierungsmaßnahmen für Unternehmen haben“, erklärt Prof. Dr. Caren Sureth-Sloane. Sie ist Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Paderborn und Sprecherin des Sonderforschungsbereiches. Letztlich solle die Forschung im Sonderforschungsbereich dazu beitragen, sinnvolle Regeln zur Unternehmenstransparenz und für ein transparenteres Steuersystem zu entwickeln und so auch das Vertrauen der Bürger in Wirtschaft und Politik stärken, betont Sureth-Sloane.

Wirkung steuerlicher Regulierungsmaßnahmen bislang unklar

Inwiefern jüngst eingeführte steuerliche Regulierungsmaßnahmen der Politik Unternehmen zu mehr Transparenz verleiten, scheint in der Tat bislang unklar. So verpflichtet beispielsweise das EU-weit geltende und 2017 in Deutschland eingeführte „Country-by-Country Reporting“ multinationale Konzerne, die in der Europäischen Union ihren Sitz oder eine Tochtergesellschaft haben, im Rahmen einer länderbezogenen Berichterstattung Umsätze, Gewinne, Steuerzahlungen und weitere Daten an die jeweiligen Finanzbehörden zu übermitteln. Ob dieses Reporting aber der Grund dafür ist, dass – wie Studien zeigen – Unternehmen ihre Präsenz in Steueroasen zuletzt verringerten, sei laut Sureth-Sloane noch völlig unklar. Möglich wäre auch, dass die Unternehmen schlicht auf den medialen und öffentlichen Druck reagiert hätten, so die Wissenschaftlerin. Erste Erkenntnisse aus einem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs zeigen aber schon jetzt: Den Kapitalmarkt scheint das „Country-by-Country Reporting“ weitestgehend kalt zu lassen. „Anleger, Kreditinstitute und Kapitalnehmer messen den zusätzlichen öffentlichen Informationen über die steuerliche Situation eines Unternehmens, die im Rahmen des ‚Public Country-by-Country Reportings‘ zur Verfügung gestellt werden, im Wesentlichen keinen Wert bei“, erläutert Sureth-Sloane.

Unternehmenspanel soll Licht ins Dunkel bringen

Um erforschen zu können, ob und wie steuerliche Regulierungsmaßnahmen der Politik tatsächlich zu mehr Unternehmenstransparenz führen, entsteht im Sonderforschungsbereich ein umfassendes Unternehmenspanel, das sogenannte „German Business Panel“. Es soll der Forschung mittels Befragungsdaten die Bearbeitung bislang nicht möglicher Forschungsvorhaben ermöglichen. „Die Kollegen an der Universität Mannheim bauen dieses Panel auf. Mittels halbjährlicher Online-Befragungen, persönlicher Interviews und Paneldiskussionen wollen wir Experten in Unternehmen unterschiedlicher Größe, Branche und Rechtsform befragen. So können wir systematisch und repräsentativ erheben, wie Unternehmen Fragen der Transparenz einschätzen, welche Folgen steuerliche Regulierung für sie hat und wie sie darauf reagieren“, erklärt Caren Sureth-Sloane.

Den Motiven für freiwillige Transparenz auf der Spur

Neben verpflichtenden Maßnahmen wie dem „Country-by-Country Reporting“ oder einer Vielzahl vom Gesetzgeber vorgeschriebener Angaben im Jahresabschluss können Konzerne auch durch freiwillige Zusatzinformationen wie etwa zu Fragen der Nachhaltigkeit Transparenz zeigen. Dafür interessieren sich die Wissenschaftler*innen im SFB ebenfalls: „Wir wollen nicht nur untersuchen, wie sich verpflichtende Angaben auf Unternehmen auswirken, sondern auch erforschen, was Unternehmen dazu bringt, freiwillig zusätzliche Informationen über sich preiszugeben. In diesem Zusammenhang werden wir auch analysieren, wie Informationen, die Unternehmen freiwillig bereitstellen, in einem Umfeld, das durch eine Flut von Informationen einschließlich Gerüchten und Fake News charakterisiert ist, wahrgenommen werden – und ob sie überhaupt zu einer Verbesserung der Transparenz beitragen können“, skizziert Sureth-Sloane den Forschungsansatz.

Internationaler Vergleich: Steuergesetzliche Vorschriften in Deutschland überdurchschnittlich komplex

In einem Teilprojekt des Sonderforschungsbereichs widmen sich die Forscher*innen speziell dem Thema Steuerkomplexität. Dabei können sie auf dem „Steuer-Komplexitäts-Index“ aufbauen, den Caren Sureth-Sloane und ihr Paderborner Kollege Thomas Hoppe zusammen mit Prof. Dr. Deborah Schanz und Susann Sturm von der Ludwig-Maximilians-Universität München entwickelt haben. Der Index, für dessen Ergebnisse sich bereits das deutsche und britische Finanzministerium und die OECD interessierten, wurde für eine Vielzahl von Ländern entwickelt und erfasst die Komplexität der Gewinnsteuer-Systeme für multinationale Unternehmen in 100 Staaten.

„Der Index bietet einen einzigartigen Datensatz, mit dem wir analysieren können, wie sich ein Land im internationalen Wettbewerb hinsichtlich der Komplexität von steuergesetzlichen Vorschriften und steuerlichen Prozessen wie Steuererklärungen und Betriebsprüfungen positioniert“, führt Sureth-Sloane aus. Eine zentrale Erkenntnis für Deutschland: In Sachen komplexes Steuersystem liegt die Bundesrepublik im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Dabei fällt allerdings auf, dass einzelne steuergesetzliche Vorschriften im Ländervergleich besonders komplex eingestuft werden. „Zu nennen sind hier beispielsweise die Regelungen zu Verrechnungspreisen und zur sogenannten Hinzurechnungsbesteuerung. Hier sind es vor allem Dokumentationsanforderungen. Obwohl Deutschland hinsichtlich der steuerlichen Prozesse als unterdurchschnittlich komplex eingestuft wird, werden inkonsistente Entscheidungen im Betriebsprüfungsprozessen als Problemfeld identifiziert“, erklärt Sureth-Sloane. Verrechnungspreise sind diejenigen Preise, die zwischen verschiedenen Bereichen eines Unternehmens für innerbetrieblich ausgetauschte Waren und Dienstleistungen verrechnet werden. Die Hinzurechnungsbesteuerung bezeichnet die Besteuerung von Einkünften einer ausländischen Tochtergesellschaft beim inländischen Gesellschafter.

Wissenschaft, bei der jeder mitmachen kann

Im Sonderforschungsbereich forschen Sureth-Sloane und ihre Kolleg*innen nicht im stillen Kämmerlein – im Gegenteil. „Wir leben Transparenz auch in der Forschung. Das bedeutet, dass wir einerseits die von uns gewonnenen Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen werden und dass wir andererseits Methoden entwickeln, um unsere Forschung möglichst transparent und reproduzierbar zu präsentieren“, betont Prof. Dr. Joachim Gassen, stellvertretender Sprecher des SFBs und Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Dem sogenannten „Open Science-Ansatz“ folgend sollen Forschende weltweit in die Lage versetzt werden, die Forschung des SFBs zu überprüfen, darauf aufzubauen und damit letztlich schneller zum Fortschritt beizutragen. Auch die Öffentlichkeit, Stakeholder aus Politik und Wirtschaft werden regelmäßig über neue Erkenntnisse informiert. Dazu werden Pressemitteilungen und öffentliche Veranstaltungen, ein Newsletter und ein Blog, Social-Media-Auftritte sowie Veröffentlichungen in Praxiszeitschriften genutzt. Am 30. März 2020 ist beispielsweise das erste Forum des TRR 266 „Forschung im Dialog“ in München geplant – mit Experten aus Wissenschaft, Politik und Praxis wie Prof. Dr. h.c. Rudolf Mellinghoff, Präsident des Bundesfinanzhofs.

„Wir werden unsere Forschungsergebnisse für unterschiedliche Zielgruppen aufbereiten und erlebbar machen. Das alles geschieht im Sinne einer offenen Wissenschaft, bei der jeder mitdiskutieren kann – denn nur transparente Forschung kann Wirkung zeigen und die Entdeckung von Wissen beschleunigen“, fasst Caren Sureth-Sloane zusammen.

Weitere Informationen

Webseite des SFBs: accounting-for-transparency.de

Twitter-Kanal des SFBs:  https://twitter.com/trr_accounting

Linkedin-Seite des SFBs: www.linkedin.com/company/trr-accounting

Xing-Seite des SFBs: www.xing.com/companies/trr266accountingfortransparency 

Interaktive Webseite des Steuer-Komplexitäts-Index: www.taxcomplexity.org

SFB-Forum „Forschung im Dialog“: accounting-for-transparency.de/forum

 

Simon Ratmann, Stabsstelle Presse und Kommunikation

Kontakt

Caren Sureth-Sloane

Prof. Dr. Caren Sureth-Sloane

Betriebswirtschaftslehre, insb. Betriebswirtschaftliche Steuerlehre

Zur Person

Die Universität der Informationsgesellschaft