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Photo: Universität Paderborn, Adelheid Rutenburges

| Interview

Vom Suchen und Finden der Wahrheit

Heute am 10. November ist UNESCO-Welttag der Wissenschaft. Er soll den Beitrag der Wissenschaften für Frieden und Entwicklung würdigen. Philosophieprofessor Volker Peckhaus ist Experte für Wissenschaftstheorie und beschäftigt sich seit Langem mit den Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft. Mit ihm haben wir über das alte Bild vom Elfenbeinturm, das Spannungsfeld zwischen Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Forschung sowie über wissenschaftliche Grundsätze gesprochen. 

Herr Peckhaus, wie würden Sie einem Kind erklären, was Wissenschaft ist?

Ich würde ihm sagen, dass es das ist, was Kinder eigentlich ständig tun: nach dem Warum fragen. Dieses Hinterfragen kann man im Grunde genommen endlos treiben, denn jede Antwort fordert wieder ein neues Warum? heraus. Kinder stellen also ganz natürlich die richtigen Fragen. Sie wollen ihre Neugier befriedigen. Und das wollen Wissenschaftler auch: Sie suchen nach Erkenntnis und wollen die Welt verstehen und erklären. In diesem grundsätzlichen Verständnis hat Wissenschaft also immer einen Bezug zur Welt. Wenn ich allerdings konsequent weiter hinterfrage, komme ich auf immer abstraktere Ebenen und entferne mich damit von der Praxis und dem Alltag. Daher könnte man auf die Idee kommen, dass Wissenschaft sich zunehmend in einen Elfenbeinturm zurückzieht, um dieses Bild aufzugreifen. 

Und was halten Sie von diesem eher negativen Bild?

Gar nichts. Grundlagenforschung findet zwar auf einer höheren Abstraktionsebene statt und hat oft auf den ersten Blick nichts mit dem Alltag zu tun, aber sie ist für eine aufgeklärte Wissenschaft unabdingbar. Banal gesprochen geht es darum, nicht einfach zu lernen, ein Knöpfchen zu drücken und damit eine bestimmte Reaktion auszulösen, sondern zu fragen, warum das passiert, also zu wissen, was man da tut. Im Idealfall werden theoretische und praxisorientierte Forschung gut kombiniert und zusammengebracht.

Ist Forschung heute anwendungsorientierter als früher?

Ja, das kann man durchaus sagen. Bei den neuen, großen Förderprogrammen wird die gesellschaftliche Einbettung immer berücksichtigt, auch Grundlagenforschung wird an Lebensfragen angebunden. Ganz stark gefördert werden übrigens auch interdisziplinäre Forschungsprojekte, die ja oft auch dadurch entstehen, dass gesellschaftlich relevante Fragestellungen nicht hinreichend von einer Disziplin allein beantwortet werden können. Durch den multiperspektivischen Zugang zu einem Thema entfernen wir Wissenschaftler uns übrigens auch aus dem „Elfenbeinturm“ unseres Fachs und öffnen unseren Horizont.

Wir haben jetzt viel über die Ziele von Wissenschaft gesprochen. Was sind ihre Grundsätze und Prinzipien?

Wissenschaft ist eine Deutung von Welt. Es gilt grundsätzlich die Regel: Alles, was behauptet wird, muss begründet werden. Wie diese Begründung aussieht, welche Methoden dafür angewendet und akzeptiert werden, ist abhängig von den Konventionen, die in einer bestimmten Zeit von der Wissenschafts-Community ausgehandelt werden. Die Antworten der Wissenschaft sind also abhängig von Definitionen und Kategorisierungen, die immer wieder neu ausgehandelt werden. Ist zum Beispiel Pluto ein Planet oder nicht? Ihm wurde 2006 dieser Status abgesprochen. Die Kritiker dieser Entscheidung der Internationalen Astronomischen Union waren nicht wirklich besänftigt, dass Pluto nun einer Unterklasse der Zwergplaneten zugeordnet wurde, die seit 2008 mit „Plutoiden“ bezeichnet wird. Es gibt also immer eine große Konkurrenz von Deutungen, mit denen ich mich als Wissenschaftler auseinandersetzen muss. Selbst bei Naturgesetzen spricht man nicht mehr von absoluten Wahrheiten, sondern von Hypothesen über die Welt, die sich bisher gut bestätigt haben.

Text: Frauke Döll

The University for the Information Society