Während der SchreibZeit in Schloss Gehrden im Mai 2010 haben die Teilnehmerinnen ihre Vorgehensweise beim Schreiben plastisch dargestellt. Dise Visualisierung des eigenen Schreibens ermöglicht einen anderen, neuen Blick auf das eigene Schreib- und Arbeitsverhalten. Die Idee der visuellen Schreibmodelle geht auf einen Workshop bei Sandee McGlaun vom Roanoke College, USA, zurück.

Mein Schreibprozess ist ein Balanceakt zwischen Höhen und Tiefen. Während des Schreibens und auch bei den Vorbereitungen ist es notwendig, dass alle Kriterien, die auf der Wippe platziert sind, sich so gewichten, dass ich ausgeglichen bin und meinen Kopf frei habe. Die einzelnen kleinen Abbildungen symbolisieren hierbei die für mich wichtigen Punkte. Sie erinnern mich aber auch an wichtige Dinge, die ich beim Schreiben schnell verdränge und durch deren Vernachlässigung kann es dann zu einer Schieflage kommen – das Schreiben wird gestört. Hierzu gehören zum Beispiel ausreichende Bewegung und gute Ernährung. Ist auf der Wippe alles im Gleichgewicht, so kann gearbeitet werden, wenn nicht kann es zum Durchhänger kommen, der von dem Aufkleber des WM-Spielers symbolisiert wird. Er sieht nämlich schon ganz erschöpft und verzweifelt aus. Der Zweifel auf dem richtigen Weg zu sein tritt hinzu und muss ebenfalls balanciert werden. Bei all diesen Prozessen ist es wichtig sich auf sich selbst zu besinnen und sich nicht im Schreiben zu verlieren, deshalb stabilisiert ein Foto einer nackten Frau die Basis der Wippe. Die Zielvorstellungen werden durch den am goldenen Faden hängenden Spruch zusammengefasst: In 30 Jahren baue ich eine Zeitmaschine. Für mich bedeutet dies, dass ich etwas schaffen und bewegen möchte, dabei aber nicht den Boden unter den Füßen verlieren darf.

Mein Schreibwürfel
Mein Schreibprozess ist wie ein Würfel (auf den Würfelseiten steht: Lesen, Sammeln, Denken, Schreiben, Planen, Strukturieren). Alle Schritte des Schreibens sind miteinander verzahnt, aber die Ecken sind noch nicht rund, deshalb stehen sie über. Meistens beginne ich mit dem Lesen, was vom Sammeln von Informationen begleitet wird. Danach setzt auf der Grundlage des angeeigneten Wissens der eigenständige Denkprozess ein. Und nun schließlich kann ich beginnen zu Schreiben. Basis meines Schreibprozesses und somit auch des Würfels, v. a. mit dem Lesen und Denken verbunden, ist das Planen, während das Strukturieren das notwendige Dach bildet und v. a. mit dem Sammeln und Schreiben verbunden ist. Was ich lese, plane ich vorher, was ich schreibe, strukturiere ich vor, beim oder nach dem Schreiben. Das gesammelte Wissen strukturiere ich z. B. mit Hilfe der Literaturverwaltungssoftware Citavi. Denkprozesse lassen sich manchmal vorplanen, manchmal kann man sie aber auch erst hinterher strukturieren. Die Würfelseite Planen ist weiß, denn ich sitze am Anfang eines Prozesses vor einem weißen Blatt Papier. Die Struktur ist rot, denn die muss am Ende vorhanden sein, sonst bleibt der Text unvollständig, hierauf ist also in jedem Falle zu achten. Das Gelb steht für den vorsichtigen Anfang, aber auch die alten vergilbten Bücher, mit denen ich es beim Lesen manchmal zu tun habe. Beim Sammeln wirkt die Farbe orange schon etwas zuversichtlicher. Blau ist für mich die Farbe des Geistes und von daher mit dem Denken verbunden. Und über allem steht das hoffnungsvolle Grün für das Schreiben selbst, denn am Ende soll ein gelungener Text stehen.

Schreiben ist wie das Meer. Schreiben ist mehr.
… so lautet das Motto zur Abbildung meines Schreibprozesses.
Das Auf und Ab der Wellen, die stürmische See, den Lebensraum, den das Meer
bietet; all dies sind Bilder dafür, wie ich mein Schreiben begreife.
Es gibt Schreibphasen, da befinde ich mich in allerbester Stimmung, das
Schreiben „fließt“, es geht mir einfach von der Hand. In solchen Zeiten weiß
ich genau, was mein Schreibziel ist, welche Zitate an welche Textstelle
passen und wie ich nach dem nächsten Satz weiterschreiben soll. Wenn dies
der Fall ist, befinde ich mich ganz weit oben auf einer Welle, die mich und
meinen Schreibprozess trägt.
Es gibt allerdings auch Zeiten, in denen es nicht „so rund“ und ohne Hindernisse läuft. Es fällt mir schwer mich zum Schreiben aufzuraffen oder mich mit einer bestimmten Theorie auseinander zu setzen. Am schlimmsten ist es, wenn ich nicht mehr weiß, ob das Schreibziel das Richtige ist – Zweifel kommen auf, Themenbenennungen werden umgeschmissen und die Frage, ob ich jemals diese Arbeit beenden werde, steht bedrohlich im Raum. Bei solch einem Zeitpunkt befinde ich mich im Tal einer Welle – sehr weit unten, mit dem Gefühl, dass das Meer mich verschluckt. Dann muss ich meistens kämpfen und sehr diszipliniert sein, um aus dieser Talsohle heraus und an dem Schlick und den störenden Algen vorbei wieder auf eine Welle an der Oberfläche zu kommen. Dabei behilflich sind oft die abwechslungsreichen Dinge, die ich auf meinem Weg durch das Auf und Ab des Meeres finde: Es gibt allerlei verschiedene Lebewesen wie kleine Fische oder wunderschöne Muscheln zu bestaunen. Den Blick auch für die kleinen und überraschenden Momente während des Schreibens oder der Schreibpausen zu bewahren, hilft oftmals, im Schreibprozess voran – wieder auf eine Welle – zu kommen. Dann kann es sein, dass ich - gleichsam einer kostbaren Perle in einer Muschel – einen guten Abschnitt schreibe oder eine Frage aufwerfe, die unbedingt während des weiteren Schreibprozesses bedacht werden sollte und die mir vorher einfach nicht eingefallen ist.
Um gut schreiben zu können, brauche ich außerdem Zeit, den Raum und verschiedene Materialien – ganz so, wie für die Erstellung meiner Schreibprozessabbildung. Ein verwendetes Material, das meinen Schreibprozess ebenfalls und besonders gut abbildet, ist die Knete. Um sie verwenden zu können, musste ich sie einige Zeit lang in meinen Händen hin und her wenden, sie formen und schon entstandene Formen wieder zerstören, um sie in einem zweiten Anlauf noch besser darzustellen. Als ich so da saß, knetete und über meinen Schreibprozess nachsann, habe ich gemerkt, dass es mit meinem Schreiben sehr ähnlich wie mit der Knete ist: Um etwas Gutes zu schreiben, muss ich mich manchmal von schon Geschriebenem trennen oder es ändern, zum Beispiel neu strukturieren. Manchmal weiß ich auch noch gar nicht, was genau beim Schreiben eigentlich herauskommt – alles scheint formbar; ich kann das zu Schreibende nach meinen Wünschen gestalten – genauso wie den Klumpen Knete, aus dem die Muschel, ein Fisch und eine Blume entstanden sind. Auf diese Weise ist mein Schreiben für mich wie das Meer – und sogar noch mehr!

Ich habe einen Leuchtturm gebastelt, der in einem Meer von Wellen steht. Den ganz wilden Strudeln bin ich schon entkommen, beruflich angekommen, und habe meinen Doktorhut, das ist der goldene Hut oben auf der Spitze. Aber eigentlich halte ich immer noch Ausschau nach dem wirklichen Schatz. Vom Turm aus habe ich eigentlich einen ganz guten Überblick, aber ich sehe immer nur einige kleine Goldfäden, von denen ich zunächst denke, es wäre schon die Schatztruhe. Ich weiß, dass die Schatztruhe irgendwo da draußen im Meer ist und ich sie irgendwann entdecken werde. Aber noch ist sie von den Wellen verdeckt. Die Schatztruhe – das ist für mich das kreative und literarische Schreiben. Irgendwann werde ich einen Roman fertig geschrieben haben.

Manna gibt es scheibchenweise
Manna ist so etwas wie Himmelsbrot. Im Alten Testament ließ Gott Manna vom Himmel regnen, um die Israeliten, die durch die Wüste wanderten, zu ernähren. Manna schmeckt lecker und ist nahrhaft, hat aber den Nachteil, dass es verdirbt, wenn man versucht es aufzubewahren.
Ich habe diese Collage gebastelt, weil mir deutlich geworden ist, dass ich mit meiner Forschungsarbeit nur schrittweise voran kommen werde. Ich hoffe, dass ich auch über lange Durststrecken hinweg genug Kraft haben werde, um mein Projekt auch abzuschließen. Regelmäßig ein winziges Stück vorwärts kommen, mehr möchte ich ja gar nicht.

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