Strapazierte Fagotte lassen Besen für den guten Zweck tanzen

METAMORPHOSEN — Konzerte des Hochschulorchesters Paderborn am 17. und 19. Januar 2011

  • Paul Dukas: Der Zauberlehrling
  • J.S. Bach / Uli Lettermann: Konzert für Sopransaxophon und Orchester nach BWV 1056
  • Paul Hindemith: Sinfonische Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber

  • Sprecher: Gero Friedrich
    Sopransaxophon: Uli Lettermann
    Leitung: Steffen Schiel

Das Hochschulorchester Paderborn spielt in diesem Semester zwei Konzerte im Audimax der Universität mit einem ungewöhnlichen Programm:
METAMORPHOSEN benennt dabei die Umwandlung bzw. Bearbeitung künstlerischen Materials. Am Montag, 17.01. und Mittwoch, 19.01.2011 beginnen die Konzerte jeweils um 20.00 Uhr. Das Mittwochskonzert wird als Benefizkonzert mit veranstaltet von den drei Paderborner Rotary-Clubs, der Erlös ist bestimmt für das Kinderhospiz Bethel.

Das bekannteste Werk des französischen Komponisten ist Der Zauberlehrling. Er gestaltet die gleichnamige Ballade von Johann Wolfgang von Goethe um in ein musikalisches Drama, in dem die verschiedenen Protagonisten durch einprägsame Themen dargestellt und die Handlung der Ballade geradezu lautmalerisch skizziert wird. In den Konzerten wird Goethes Ballade, rezitiert von Gero Friedrich, direkt mit der Komposition von Dukas verknüpft.

Johann Sebastian Bachs Konzert BWV 1056 hat Bach bereits selbst in verschiedene Gewänder gekleidet. Violine, Cembalo und Oboe markieren Bachs Suche nach einem geeigneten Soloinstrument. Vielleicht wäre es das Sopransaxophon gewesen - wenn er es schon gekannt hätte. Uli Lettermann hat in seiner Bearbeitung den Orchesterklang erweitert, ihn auf das Sopransaxophon zugeschnitten. Er hat sich erlaubt, Bachs Komposition wiederum zu verändern, Harmonien werden gewendet, erweitert – und der Jazz hält Einzug. Besonders im zweiten und dritten Satz wird dies offensichtlich, wenn Improvisation hier und rhythmische Energie dort das Werk neu entstehen lassen.

Paul Hindemith vollendete seine Sinfonischen Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber im Sommer 1943. Im Aufbau einer klassischen Sinfonie entsprechend liegen dem Werk drei Weber’sche Klavierwerke und seine Overtura Chinesa zugrunde. Hindemith verfremdet die Originalwerke durch harmonische Ergänzungen, äußerst einfallsreiche Instrumentierung und rhythmische Variation. Eine Nähe zum Jazz zeigt sich zudem in einer durch Synkopen geprägten Passage der Blech- und Holzbläser, vielleicht ein Bezug zu den USA, wo Hindemith seit 1940 lebte.


Auszug aus Programmheft:
Paul Abraham Dukas (1865 – 1935) wurde ab 1881 am Pariser Konservatorium von Théodore Dubois im Fach Harmonielehre, Georges-Amadée Mathias, einem einstigen Schüler Chopins, auf dem Klavier und von Ernest Guiraud im Fach Komposition unterrichtet. Durch letzteren, der seit 1883 für seine kompositorische Ausbildung zuständig war, lernte Dukas Claude Debussy kennen. Nachdem Dukas mehrere Male nur mäßige Erfolge beim Prix de Rome erzielt hatte, trat er demotiviert aus dem Konservatorium aus und verpflichtete sich statt dessen dem Wehrdienst. Im 74. Infanterieregiment, wo er seinen Dienst ableistete, war Dukas jedoch musikalisch nicht untätig. Nachdem er seinen Wehrdienst unbeschadet überstanden hatte, widmete er sich nun doch wieder – vorerst zumindest im privaten Bereich – der Musik und fasste den Entschluß, Musikkriter zu werden. Eine oft gelobte Kritik verfasste er zur Aufführung von Richard Wagners Ring des Nibelungen in London. Das Dukas nicht gänzlich mit dem eigenen musikalsichen Schaffen abgeschlossen hatte, zeigt sich unter anderem daran, dass er 1895 gemeinsam mit Camille Saint-Saëns Guirauds fünfaktige Oper Frédégonde orchestrierte. Wenige, innerhalb ihres Genres jedoch herausragende Kompositionen – darunter Chöre, Kantaten, Lieder, Orchester- sowie Kammermusik und die Oper Ariane et Barbe-Bleu, deren Aufführungen in Wien, Brüssel, New York, Mailand, Buenos Aires und Madrid Erfolge feierten – kennzeichnen das Ouvre Dukas'.
Kurz nachdem Paul Dukas um 1895/96 seine Sinfonie in C-Dur vollendet hatte, schrieb er in erstaunlich kurzer Zeit sein bis heute berühmtestes Werk: L'Apprenti sorcier – Der Zauberlehrling. Der Zauberlehrling, nach der gleichnamigen Ballade von Johann Wolfgang von Goethe, wurde am 18. Mai 1897 unter Leitung des Komponisten in der Société Nationale uraufgeführt. Binnnen kurzer Zeit konnte sich Der Zauberlehrling im internationalen Konzertrepertoire durchaus behaupten. Im Zauberlehrling erreicht der für Dukas typische poetische wie dramatische Ausdruck seiner Melodik eine prägnante Dichte. Trotz der im Inhalt begründeten dramatischen Verwirrung des Geschehens bleibt eine klare und logische Form in Dukas' Auslegung des Zauberlehrling bestehen. Der Eindruck konfuser und ungezügelter Zauber-Experimente wird durch den gezielten Einsatz solistisch getragener Themen in Wechselwirkung mit gemischten Klangfarben knapper Motive verdeutlicht. Gleich zu Beginn des Werkes wird der verhängnisvolle Zauberspruch durch eine Thema in der Trompete vermittelt. In Gestalt des Fagotts erwachen die Besen zum Leben, vor allem die Streicher fliessen daraufhin als Wasser zu Boden. Das anfangs erklungene Motiv wird nun in verschiedenen Tonarten bruchstückhaft angedeutet – der Zauberspruch ist vergessen und will nicht recht in Gedächtnis des Lehrlings zurückkehren. Erneute Bekanntheit erhielt Dukas' Komposition in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Walt Disney. In einer Episode des 1940 fertiggestellten und bis dahin dritten abendfüllenden Films der Disney Studios mit dem Titel Fantasia schlüpfte keine anderer als Mickey Mouse in die Rolle des Zauberlehrlings. Nach dem Prinzip der Silly Symphony unterlegte das Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Leopold Stokowski, der Disney zuvor den Rat gegeben hatte, den Zauberlehrling in einem Film unterzubringen, die gänzlich ohne Text dargebotene Szenerie mit der programmatischen Musik Paul Dukas'.

Johann Sebastian Bach hat vermutlich bereits in jungen Jahren dieses kurze, dreisätzige Konzert für Violine und Streichorchester BWV 1056 komponiert. Er selbst unterzog es dann mehreren Umarbeitungen: Zunächst verfasste er eine Version mit Cembalo, später folgte noch eine Bearbeitung für Oboe. Bach war also offensichtlich auf der Suche nach einem geeigneten Soloinstrument. Vielleicht wäre es das Sopransaxophon gewesen – wenn er es schon gekannt hätte.
Uli Lettermann hat in seiner Bearbeitung den Orchesterklang erweitert, ihn auf das Sopransaxophon zugeschnitten. Er hat sich erlaubt, Bachs Komposition wiederum zu verändern, wie Bach es selbst immer wieder getan hat, wenn er meinte, die Zeit oder die Bedingungen erforderten es. So erklingt in der heutigen Aufführung ein Konzert, das mit dem Saxophon die Sphäre der Musikgeschichte durchschreitet, Harmonien werden gewendet, erweitert – und der Jazz hält Einzug. Besonders im zweiten und dritten Satz wird dies offensichtlich, wenn Improvisation hier und rhythmische Energie dort das Werk neu entstehen lassen.

Paul Hindemith (1895 – 1963) erläuterte die Gründe für seine musikalische Laufbahn in einem Interview wie folgt: „Und daß ich Musiker wurde, war eigentlich auch mehr ein Zufall. Es war eigentlich mehr meines Vaters Idee, der gerne Musiker werden wollte und es nie durfte. Also hat er an mir und meinem Bruder ausgelassen, was er nie gekriegt hat. So sind wir Musiker geworden.“ Tatsächlich bestimmte der Vater – selbst Maler von Beruf, der seiner künstlerischen Neigung durch privates Zitherspiel und das Ausmalen der St. Markuskirche in Mühlheim am Main Geltung schenkte – seit frühester Kindehit den Musikalischen Werdegang seiner Kinder. Paul Hindemiths Schwester Antonie wurde Pianistin, der Bruder Rudolf Cellist, Komponist und Dirigent. Paul Hindemith erhielt seit 1904 Geigenunterricht und nahm bereits mit 13 Jahren zum Wintersemester 1908 das Violinstudium am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt auf. Schon in dieser frühen Phase trat Hindemith gemeinsam mit seinen Geschwistern häufig auf, unter anderem auf Tanzveranstaltungen, in Cafés und Kinos sowie in etlichen schlesischen Dörfern, durch die der Vater seine Kinder als Frankfurter Kindertrio schickte. Notenhefte aus dieser Zeit beinhalten sogar erste kleinere Kompositionen, darunter ein auf 1910 datiertes Klaviertrio. Festgelegt auf die Musik allein war Hindemith zu dieser Zeit jedoch keineswegs. Nach Berichten seiner Schwester Toni schwankte er sogar kurze Zeit zwischen Musik und Malerei, wodurch sich eine gewisse Parallele zu Hugo Emil Alfvén (1897 – 1960) andeutet. Sein literarisches Interesse spiegeln die acht Theaterstücke wider, die Hindemith bis 1920 verfasste und zu denen er die Bühnenmusik komponierte. Um 1912 begann Hindemith, am Hoch'schen Konservatorium – gegen den Willen seines Vaters – Kompositionsunterricht zu nehmen. Zunächst studierte er bei Arnold Mendelssohn, später bei Bernhard Sekles. Noch immer als Geiger aktiv, wurde Hindemith 1915 nach einer besonders erfolgreichen Darbietung des Violinkonzerts von Beethoven als erster Geiger vom Frankfurter Museumsorchester angeworben. Vier Jahre später – mittlerweile hatte Hindemith seinen Wehrdienst als Trommler einer Regimentsmusik abgeleistet – veranstaltete er in Frankfurt erstmals ein Konzert, in dem ausschließlich seine eigenen Kompositionen vorgetragen wurden. Der außerordentliche Erfolg dieses Konzerts bewog den Mainzer Schott-Verlag dazu, sämtliche seiner Werke zu verlegen, worauf 1923 ein Generalvertag mit dem Komponisten folgte. Aufgrund der widrigen Umstände in Deutschland – die Nationalsozialisten hatten zunächst rund die Hälfte, 1936 dann sämtliche seiner Werke verboten – emigrierte Hindemith 1938 in die Schweiz und nur zwei Jahre später in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er die nächsten Jahre verschiedene Lehraufträge, unter anderem an der Yale University in New Haven, erhielt. Erst 1951 folgte Hindemith dem Ruf auf einen Lehrstuhl für das Fach Musikwissenschaft an der Universität Zürich und kehrte so nach Europa zurück. Am 28. Dezember 1963 starb Paul Hindemith recht unerwartet nach mehreren Schlaganfällen an einer Krebserkrankung der Gallenblase in einem Frankfurt Krankenhaus. Aufgrund seiner amerikanischen Staatsbürgerschaft und der Tatsache, dass er die letzten Jahre in der Schweiz gelebt hatte, blieb ihm eine dem Wunsch seiner Witwe entsprechnede Beerdigung in Frankfurt verwehrt.
Für die in den USA entstandenen Symphonic Metamorphosis of Themes by Carl Maria von Weber griff Hindemith auf bereits bestehendes Material zurück. Im Kontext einer Zusammenarbeit mit dem Choreographen Léonide Massine hatte Hindemith 1940 begonnen, einige der vierhändigen Klavierstücke Webers für ein Ballett einzurichten. Aufgrund verschiedener Vorstellungen des angestrebten Resultats wurde dieses Projekt jedoch nicht vollendet; Hindemith führte die Arbeit an den gewählten Stücken auch im Alleingang nicht weiter. Drei Jahre später griff Hindemith diese Idee jedoch wieder auf und vollendete die Sinfonischen Metamorphosen nach Themen von Carl Maria von Weber im Sommer 1943. Die Uraufführung fand am 20. Januar 1944 in New York mit dem Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Artur Rodzinski statt. Die Satzfolge der Metamorphosen – Allegro, Scherzo, Andantino, Marsch – entspricht im Prinzip dem Aufbau einer klassischen Sinfonie. Dem ersten Satz, Allegro, liegt Webers Klavierstück op. 60, Nr. 4 zugrunde. Das von Weber in der Überschrift erwähnte All'Ongarese erscheint bei Hindemith deutlich gemässigt. Anders geht Hindemith im zweiten Satz vor, Turandot, Scherzo, der auf Webers Overtura Chinesa basiert. Der exotische beziehungsweise „chinesische“ Charakter wird hier durch übermäßige Intervalle, pentatonische Tonfolgen und orchestrale Effekte von Hindemith verstärkt. Eine Nähe zum Genre des Jazz zeigt sich zudem in einer durch Synkopen geprägte Passage der Blech- und Holbläser; vielleicht ein Bezug zu den USA, wo Hindemith seit 1940 lebte. Dem Andantino, der dritte Satz, liegt Webers Six Pièces facile pour le Piano à quatre main op. 10, Nr. 2 zugrunde. Der finale Satz mit der Überschrift Marsch basiert erneut auf Klaviermusik Webers, der Reihe von Klavierstücken op. 60. Auch hier findet sich eine Beziehung zu Amerika wieder: das zweite Thema erinnert an eine amerikanisches Studentenlied.

Philemon Jacobsen/Uli Lettermann

Kritik NW

Neue Westfälische, 21. 01. 2011

Ohren für den guten Zweck strapaziert

Exotische Klänge vom Hochschulorchester /Rotary Clubs helfen schwerstkranken Kindern in Bethel

Von Gunther Gensch, NW

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Kritik WB

Westfälisches Volksblatt, 19. 01. 2011

Fagotte lassen Beseb tanzen

Klangmalereien bereiten beim Konzert des Hochschulorchers Hörvergnügen

Von Andrea Pistorius (Text) und Wolfram Brucks (Foto), WV

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