Lauter musikalische Raritäten!

Programm im Wintersemester 2004/2005

  • Familienkonzerte "Mozart"
    Solisten: Alexandra Börger (Klarinette), Dörthe Kapschitzki und Regina Schröder (Gesang), Eckard Wiemann (Klavier)

Solisten: Michael Koch, Elke Schulze Höckelmann, Björn Andresen, Rupert Niggl

Die Stücke

Arvo Pärt (*1935): fratres (1977/1991)

Als einer der radikalsten Vertreter der so genannten sowjetischen Avantgarde durchlief Arvo Pärt einen radikalen Wandel in seinem Kompositionsstil. Die erste Schaffensperiode begann mit neoklassizistischer Klaviermusik, danach hat er innerhalb von zehn Jahren wichtige Kompositionstechniken der Avantgarde (Dodekaphonie, Klangflächenkomposition, Aleatorik, Collage-Technik) auf eigenständige Weise in seinen Werken angewandt.

Die Komposition Credo (1968) war ein entscheidender Wendepunkt in seiner Entwicklung. Von da an waren alle seine bisherigen kompositionstechnischen Mittel für ihn sinnlos geworden. Pärts Suche nach seiner eigenen Stimme in der Musik trieb ihn in eine schöpferische Krise, die acht Jahre dauerte. Nach dem künstlerischen Schlussstrich zog sich Pärt völlig zurück und hörte auf zu komponieren. Auf der Suche nach einer neuen musikalischen Sprache setzte er sich mit dem Gregorianischen Choral, der Schule von Notre Dame und der klassischen Vokalpolyphonie auseinander. Sein intensives Studium dieser Epochen prägte sein neues Musikverständnis, was am besten in einem Zitat aus dieser Zeit deutlich wird: "[...] hinter der Kunst, zwei, drei Töne miteinander zu verbinden, liegt ein kosmisches Geheimnis verborgen." Die acht Jahre des Schweigens waren von dem intensiven Wunsch beseelt, diese Fähigkeit zu erfassen.

1976 begann Pärt wieder zu schreiben. Das neue kompositorische Prinzip, das er erstmals in dem kleinen Klavierstück Für Alina anwandte, hat sein Werk bis heute inspiriert. Das Verfahren, das er „Tintinnabuli“ (lat. Glöckchen) nannte, wird nicht durch anwachsende Komplexität erreicht, sondern durch äußerste Reduktion des Klangmaterials und Beschränkung auf das Notwendigste. Bei seinen Vokalwerken bestimmen zusätzlich alle Parameter des Textes (Silbe, Wort, Akzent, Satz, Interpunktion) die Struktur und Form des Werkes.

"Musik muss durch sich selbst existieren. [...] Das Geheimnis muss da sein, unabhängig von jedem Instrument. [...] Der höchste Wert der Musik liegt jenseits ihrer Klangfarbe.“ Dieses ästhetische Credo Pärts löste einige bislang unübliche Aufführungspraktiken aus. Ein exemplarisches Beispiel dafür ist das Werk fratres (1977). Es wurde ursprünglich als dreistimmige Musik konzipiert, ohne jedoch mit einer konkreten Klangfarbe verknüpft zu sein. Folglich können sich in fratres verschiedene Klangkonstellationen entfalten, was in der Praxis zu unterschiedlichen Besetzungsversionen führte. In diesem Konzert erklingt die Fassung für Streichorchester und Schlagzeug von 1991.

Robert Schumann (1810-1856): Konzertstück für vier Hörner und Orchester op. 86

Mit dem Konzertstück für vier Hörner und Orchester schuf Robert Schumann etwas, das – wie er selber sagte – „bis jetzt, glaub’ ich, noch nicht existiert“. Sein Experiment, das Hornquartett des romantischen Orchesters als Concertino-Gruppe einem Tutti-Orchester gegenüberzustellen, komponiert er in der traditionellen Form des klassischen Solo-Konzerts, doch waren die bislang entstandenen Kompositionen (etwa von W.A. Mozart oder C.M. v. Weber) nur für ein einzelnes Solo-Horn. Die Anforderungen an das Hornquartett in Virtuosität und Ausdauer sind außergewöhnlich hoch und vor allem im 1. Horn als nahezu unspielbar zu bezeichnen.

Der Kopfsatz wird bestimmt von einem fanfarenartigen Triolenmotiv, das gleich zu Beginn nach zwei wuchtigen Orchesterschlägen vom Soloquartett vorgestellt wird. Der dreiteilige Mittelsatz (Romanze) bringt ansatzweise romantisch verklärte Waldseligkeit, die aber im Schlusssatz, der durch überraschend hereinbrechende Trompetenfanfaren eingeleiteten wird, der virtuosen Lebendigkeit wieder Platz machen muss.

Josef Gabriel Rheinberger (1839 – 1901): Sinfonie F-Dur op. 87 – Florentiner Sinfonie

Josef Gabriel Rheinberger war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine musikalische Größe von europäischem Rang. Als Kompositionslehrer gesucht und geschätzt als Komponist, war er Professor am Münchner Konservatorium und bayerische Hofkapellmeister. Dass viele seiner Kompositionen trotz hoher musikalischer Qualitäten nach seinem Tod nicht mehr aufgeführt wurden, hängt nicht zuletzt mit äußeren Umständen zusammen. Die mit dem Jahrhundertwechsel beginnende ästhetische Neuorientierung führte zu einer radikalen Ablehnung jener konservativ-klassizistischen Richtung, der sich Rheinberger verpflichtet fühlte. Hinzu kommt, dass er sich selbst nicht für die Pflege seines eigenen Werkes eingesetzt hat. Im Bewusstsein blieb Rheinberger vor allem als Komponist von Orgelmusik und von geistlichen Vokalwerken.

Die Florentiner Sinfonie F-Dur op. 87 begann Rheinberger als Auftragswerk der Società orchestrale in Florenz während einer Italienreise, die er 1874 mit seiner Frau Fanny unternahm. Dem Autograph in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt ein Gedicht seiner Frau bei, das in vier Teilen die Satzüberschriften der Sinfonie wiederholt und in seinen Versen die Stimmungen bestimmter Reiseeindrücke wiedergibt, die der Sinfonie zugrunde zu liegen scheinen, ohne dass man sie als Programm für die Komposition bezeichnen könnte.

Die Solisten:

Michael Koch: Jungstudent bei Prof. Michael Höltzel an der Nordwest-deutschen Musikakademie Detmold. Studium bei Prof. Erich Penzel an der Musikhochschule Köln. Seit 1988 Solo-Hornist im Sinfonieorchester der Stadt Münster. Mitglied der BRASS AKADEMIE BERLIN, des Ensembles 23•12 (Kammermusik für Blechbläser), des Westfälischen Bläsersextetts. Auftritte mit den Deutschen Bläsersolisten der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Lehrbeauftragter für Horn an der Musikhochschule Münster in der Westfälischen Wilhelms-Universität.

Elke Schulze Höckelmann: Preisträgerin bei „Jugend musiziert“. Studium an den Musikhochschulen in Köln und Oslo/Norwegen. Stellvertretende Solohornistin in den Orchestern der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und der Philharmonia Hungarica Marl. Seit 1993 als Solo-Hornistin der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Widmet sich zusätzlich der frühen Literatur auf historischem Instrumentarium und der Kammermusik.

Björn Andresen: Studium bei Prof. Ab Koster an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Während dieser Zeit Aushilfe in den Orchestern von Lüneburg, Kiel, Lübeck und Münster. 1997 4. Hornist bei den Göttinger Symphonikern, seit 1998 3./2. Hornist im Sinfonieorchester der Stadt Münster. Mitglied des Blechbläserensembles EMBRASSY mit. Aushilfstätigkeit bei der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Unterrichtet an den Musikschulen Bergkamen und Münster.

Rupert Niggl: Preisträger bei "Jugend musiziert". Mitglied des Bundesjugendorchesters und im Jungen Deutschen Hornquartett. Studium bei J. Meredith, München und Prof. Erich Penzel an der Musikhochschule Köln. Meisterkurse u.a. bei F.R. Weekre, Prof. Micheels und P. Damm. Hornist bei der Nordwestdeutschen Philharmonie Herford. Seit 1992 Hornist beim Philharmonischen Staatsorchester Halle.

Kritiken

Neue Westfälische, 02. 12. 2004

Mozart mit Quietschen

Volles Haus für die Kinderkonzerte des Hochschulorchesters im Audimax

Von Ulla Meyer

Paderborn. Volles Haus für Mozart. Drei vollständig ausgebuchte Kinderkonzerte im Audimax zeigten deutlich, dass für kindgerecht servierte Klassik ein riesiges Publikum heranwächst.

[...]

Spätestens im Klarinettenkonzert, was nun wirklich ein aufmerksameres Publikum verdient hätte, setzte sich als unfreiwilliger Kontrapunkt das unmusikalisch hohe Quietschen der Audimax-Bestuhlung durch. Das Quietschen entsteht durch Zappeln.

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