Jubiläumskonzert 30 Jahre Hochschulorchester Paderborn (21. + 23. Juni):
Das Hochschulorchester Paderborn unter der Leitung seines Dirigenten Steffen
Schiel spielt bei seinem Jubiläumskonzert ein rein romantisches Programm: Hugo
Alfvéns Midsommarvaka (Mittsommerwache), Frédéric Chopins Klavierkonzert e-Moll
mit dem jungen Paderborner Solisten Denis Wiens sowie die d-Moll-Sinfonie von
César Franck. Am Montag, den 21. Juni 2010 erklingt das Konzert im Audimax
der Universität, am Mittwoch, den 23. Juni in der PaderHalle, Beginn ist
jeweils um 20.00 Uhr.
Wie bei den Konzerten des Hochschulorchesters üblich, erklingt auch in diesem
Semester ein Werk eines hierzulande weitgehend unbekannten Komponisten. Hugo
Alfvén (1872-1960), schwedischer Komponist und Dirigent, ließ sich in seinem
wohl berühmtesten Werk Midsommarvaka (Mittsommerwache, auch Schwedische
Rhapsodie Nr. 1) von schwedischer Folklore inspirieren, komponierte dieses Werk
aber äußerst kunstvoll verschachtelt „wie die gelehrteste Fuge“ und setzte
dennoch die sommerlich schwedische Landschaftsstimmung sehr emotional und die
Volksfestatmosphäre zum Mittsommerfest am 21. Juni mitreißend in Töne um.
Während Alfvéns 50. Todestag keinerlei Beachtung findet ist ein anderes
Komponistenjubiläum in diesem Jahr sehr präsent, der 200. Geburtstag von
Frédéric Chopin, und so begeht auch die Klavierstadt Paderborn ein ganzes
Chopin-Jahr. Das Hochschulorchester reiht sich ein in das umfangreiche
Konzertangebot mit dem Klavierkonzert e-Moll, gespielt vom jungen Paderborner
Pianisten Denis Wiens. 1988 in Kaluga, Russland, geboren erhielt er bereits als
Vierjähriger Klavierunterricht bei seiner Großmutter. Nach der Übersiedlung
nach Paderborn 1996 wurde er Schüler von Yoma Appenheimer an der hiesigen
Musikschule und besuchte Meisterkurse bei Günter Ludwig, Karl-Heinz Kämmerling,
Sergei Dorensky, Anatol Ugorski und Alfredo Perl. Neben zahlreichen
Bundessiegen bei Jugend musiziert erhielt er den 1. Preis beim Essener
Klavierwettbewerb in der Kategorie „Klavier-Solo“ und zweimal den Sonderpreis
Deutsche Stiftung Musikleben. Er konzertierte unter anderem in der Kölner
Philharmonie, in der Tonhalle Düsseldorf und im Mozarteum Salzburg. Seit 2007
ist Denis Wiens Student bei Prof. Jean-Efflam Bavouzet und Anatol Ugorski an
der Hochschule für Musik Detmold.
Das Jubiläumskonzert wird komplettiert mit der Sinfonie in d-Moll von César
Franck (1822-1890), einem der bedeutendsten französischen Organisten und
Komponisten des 19. Jahrhunderts. Seine einzige Sinfonie ist von überwiegend
schwermütigem, melancholischem Charakter. Franck vereint unterschiedlichste
Prägungen in dieser Komposition: kühne Modulationen, die aus Wagnerscher
Tristan-Chromatik erwachsen, die zyklische Verknüpfung der drei Sätze nach dem
Vorbild von Franz Liszts Sinfonischen Dichtungen und eine farbenreiche
Instrumentierung, die seine vielgerühmte Orgel-Registrierkunst widerspiegeln
mag oder doch Hector Berlioz und seiner großen Kunst des Orchestrierens
nacheifern.
Auszug aus dem Programmheft:
Dass
Hugo Emil Alfvén, der am 1. Mai 1872 in Stockholm geboren wurde und dessen 50. Todestag sich am 8. Mai diesen Jahres zum fünfzigsten Mal gejährt hat, heute primar als Komponist bekannt ist, mag im Vergleich zu den anderen Künstlern, deren Werke an diesem Abend auf dem Programm stehen, ein etwas größerer Zufall sein. Zunächst interessierte sich Alfvén vorwiegend für die Malerei – seit seinem 15. Lebensjahr erhielt er Malunterricht, wobei er sich hauptsächlich mit Landschaftsmalereien in Öl und Aquarell befasste – und entschied sich erst relativ spät für eine Laufbahn als Musiker. Parallel zu seinem Kunstunterricht studierte Alfvén in den Jahren 1887 bis 1891 Komposition am Konservatorium von Stockholm, um diese Ausbildung dann mittels Privatunterricht bei Johann Lindergren fortzusetzen. Zudem wurde Alfvén von Levs Zetterquist auf der Violine unterrichtet und erhielt 1890 eine Anstellung als Geiger in der Hofkapelle. Durch verschiedene staatliche Reisestipendien, unter anderem wurde er aufgrund seiner 1899 fertig gestellten 2. Sinfonie als Stipendiat vorgeschlagen, wurden dem jungen Komponisten etliche Aufenthalte innerhalb Europas – vor allem Süd- und Mitteleuropa – möglich. Alfvén strandete schliesslich in Dresden und studierte dort Komposition und Dirigat bei Hermann Ludwig Kutzschbach. 1903 wurde Alfvén dann als Lehrer für Komposition and das Konservatorium berufen. Nach meheren Auftritten als Gastdirigent in verschiedenen Städten ganz Skandinaviens bekleidete Hugo Alfvén ab 1910 für fast 50 Jahre das Amt des Musikdirektors der Universität zu Uppsala, wo er auch den berühmten Männerchor Orphei Drängar leitete. Mit diesem Chor begab sich Alfvén erneut auf verschiedene Europareisen. Im Ausland führte er mit Vorliebe Werke schwedischer Komponisten auf, womit er zur weiteren Verbreitung und Bekanntmachung schwedischer Komponisten beitrug.
Mit der Gattung der Svensk Rhapsodi – der Schwedischen Rhapsodie, der auch Midsommarvaka (Op. 19) aus dem Jahr 1903 zuzurechenen ist, schuf Hugo Alfvén eine neues Genre der Orchestermusik, dessen Grundlage die schwedische Volksmusik bildet. Bei Midsommarvaka zum Beispiel, deren erste Skizzen aus dem Jahr 1894 stammen, liess sich der Komponist von der Volksmusik inspirieren, die er auf einer Hochzeit hörte. So sind manche Melodien an eine Polka aus dem Värmland angelehnt, andere an einen Holzschuhtanz aus Schonen. Ein weiterer Impuls für Alfvén war die Natur, wodurch sich eine Parallele zu seiner Vorliebe der Landschaftsmalerei ergibt. Die Instrumentationskunst Alfvéns, die sich durchaus mit den bedeutenden Werken der Spätromantik messen kann, tritt auch in Midsommarvaka hervor. Charakteristisch für den Kompositionsstil Alfvéns ist die Akzentuierung der klanglichen Eigenheiten einzelnen Instrumente. Beispielsweise schöpft Alfvén mit Vorliebe den unterschiedlichen Klang der Streichen in den verschiedenen Lagen, oder auch den elegischen Naturklang der Hörner in idiomatisch komponierten Bläsersätzen aus.
Das 1. Klavierkonzert in e-Moll (Op. 11) von
Frédéric Chopin (1810 – 1849) – der in in diesem Jahr ganz besonders von der Öffentlichkeit fokussiert wird – wurde am 17. März 1830 in Warschau uraufgeführt – der Komponist selbst agierte bei der Premiere als Solist. Chopin berichtete zu dieser Aufführung stolz von „lebhafte[n] Bravorufe[n]“. Die zweite Darbietung erfolgte in Breslau. Als Komponist schrieb Chopin fast ausschliesslich – dadurch ergibt sich ein Kongruenz zu den frühen Jahren Schumanns – für das Klavier. Aufgrund seiner bewussten Handhabung des Klaviersatzes ergibt sich stilistisch eine Annäherung an die Werke des Impressionismus. Im gleichen Zuge kann Chopin eine fortschrittliche Harmonik mit gewagten Modulationen attestiert werden. Auch das erste seiner beiden Konzerte für Klavier und Orchester weist einen differenzierten Umgang mit dem Soloinstrument auf. Die beiden Klavierkonzerte von Chopin sind in unmittelbarer zeitlicher Näher entstanden, wahrscheinlich handelt es sich beim 2. Konzert in f-Moll sogar um das zuerst fertiggestellte. Der Legende nach bevorzugte der damalige Verleger jedoch das heute „erste“ Konzert in e-Moll, da es geeigneter auch für den „Hausgebrauch“ - dies aufgrund der nicht ganz so diffizilen Pianostimme – als das f-Moll Konzert erschien.
César Auguste Franck (1822 – 1890) trat mit 11 Jahren in das Conservatoire Royal von Lüttich ein und studierte dort Solfège bei Etienne Ledent sowie Klavier bei Lambert Conrardy und Jules Jalheau. Bereits 1835 hatte Franck seine ersten Klavierkompositionen verfasst – seine weitere Ausbildung erfolgte bei Zimmermann, Reicha und Hippolyte Colet. Als César Franck 1836 in das Pariser Konservatorium eintreten woillte, wurde ihm dies aufgrund seiner Nationalität – Franck war gebürtiger Wallone – verweigert. Cherubini, damals Direktor des Konservatoriums, riet Franck zur Einbürgerung, die dann 1837 aus diesem Grund erfolgte. Ein Jahr später wurde Franck mit dem in der Geschichte des Konservatoriums singulären „ersten“ ersten Preis ausgezeichnet. Der Grund dafür war, dass Franck das in einer Prüfung vom Blatt zu spielende Stück ohne Probleme auf Anhieb eine Terz tiefer transponiert hatte.
Der Charakter von Francks Personalstil basiert hauptsächlich auf der Konzentration auf eine überschaubare Anzahl charakteristischer Elemente, was durchaus auch auf seine (einzige) Sinfonie in d-Moll zutrifft. Franck nahm die Arbeit an seiner Sinfonie, die heute zu seinen bekanntesten Werken zählt, wahrscheinlich 1886 auf, die ersten Skizzen sind jedoch erst auf 1887 datiert. Inspirieren liess Franck sich bei der zyklischen Anlage seiner Komposition höchstwahrscheinlich von der 3. Sinfonie Saint-Saëns' und der Symphonie cérenole von Vincent d'Indy. Bedenkt man, dass Franck nur in den Sommermonmaten die Zeit fand, „ungestört“ zu komponieren – er übte als studierter Organsit und Pädagoge Lehrtätigkeiten aus – war seine Sainfonie relativ schnell fertig gestellt: Das abgeschlossene Manuskript trägt eine Widmung an Henri Duparc, die auf August 1822 datiert ist. Franck selbst äusserte sich positiv zu seinem Werk, die Kritik nachn den ersten Aufführungen schlug einen anderen Ton an. Gounod zum Beispiel soll über die Sinfonie gesagt haben „Das ist die Bejahung der Unfähigkeit, zum Dogma erhoben.“ – Camille Bellaigue bezeichnete das Werk als „[...] trockene und graue Musik, bar jeglichen Charmes und jeglicher Grazie [...].“
Philemon Jacobsen (mit Dank an Florian Söll)