Brillianter Raumklang auf einer Parkbank
- Semsterkonzerte (Mai 2008)
Das Hochschulorchester Paderborn konzertiert in diesem Semester wieder mit einem kontrastreichen Programm. Am Montag, den 19. Mai, im Audimax der Universität und am Mittwoch, den 21. Mai, in der PaderHalle erklingen Werke von Ives, Brahms und Dvořák.
Die Kompositionen “Central Park in the Dark” und “The Unanswered Question” des amerikanischen Komponisten Charles Ives (1874-1954) sind in mehreren Ebenen komponiert, die in einigen Abschnitten völlig unabhängig voneinander ablaufen. Neben die ruhige, meditative Stimmung des nächtlichen Central Park in New York treten z.B. Fetzen von Ragtime Musik aus umliegenden Kneipen. In “The Unanswered Question” erklingt zu fast choralartigen Streicherakkorden ein Trompetenmotiv, das Ives als "die ewige Frage der Existenz" beschrieb. Ein Querflötenquartett sucht Antworten, immer wilder und schroffer, am Ende jedoch bleibt die Frage unbeantwortet.
Die Akademische Festouvertüre von Johannes Brahms (1833-1897) entstand aus Anlass
der Verleihung der Ehrendoktorwürde durch die Universität Breslau an Brahms selber im Jahre 1879. Die Uraufführung fand allerdings erst 1881 unter Brahms' Leitung in Breslau statt. Brahms verarbeitet in ihr einige damals beliebte Studentenlieder wie z.B. „Gaudeamus igitur“ in kunstvoller Form.
"Sie wollen wissen, was ich tue? Ich habe den Kopf voll, wenn der Mensch das nur gleich aufschreiben könnte! Aber was nützt es, ich muß langsam machen, soweit die Hand will, und das übrige wird der Herrgott geben. - Es geht über Erwartung leicht und die Melodien fliegen mir nur so zu." Das schreibt Antonín Dvořák (1841-1904) über seine 8. Sinfonie G-Dur. Diese Fülle musikalischer Einfälle ist ebenso kennzeichnend für das Werk wie die Vielfalt seiner Ausdruckselemente. Naturhaft-lyrische Stimmungsbilder stehen neben tänzerischen Abschnitten, Nachdenkliches neben heiteren Marsch- und Polkaimitationen. Die G-Dur-Sinfonie wurde am 2. Februar 1890 unter der Leitung des Komponisten in Prag durch das
Orchester des Nationaltheaters uraufgeführt.
Auszug aus Programmheft:
Charles Edward Ives (1874 – 1954), häufig als eine der faszinierendsten und zugleich widersprüchlichsten Persönlichkeiten der jüngeren Musikgeschichte bezeichnet, zeigte schon früh eine starke musikalische Begabung, die zunächst von seinem musikalisch ebenfalls versierten Vater George Ives gefördert wurde. Schon im Alter von 13 Jahren trat Charles Ives als Konzertorganist auf, kurz darauf wurde seine erste auf einem populären Genremodell basierende Komposition Holiday Quickstep aufgeführt. Im örtlichen Musikleben von Danbury, Connecticut sammelte der junge Ives eine Vielzahl praktischer Erfahrungen, unter anderem als Trommler in der Blaskapelle seines Vaters. In den 1890er Jahren komponierte Ives mehrere kleine Stücke mit recht ungewöhnlichen Klangeffekten, als Examensarbeit seines 1894 begonnenen Studiums an der Yale University reichte er zwei Sätze seiner zwar traditionell orientierten, tonal jedoch sehr eigenwilligen 1. Sinfonie ein. Seinen Lebensunterhalt verdiente Charles Ives mit einer eigenen Lebensversicherungsagentur, die nach 1907 zu einer der erfolgreichste der Ostküste avancierte.
Charles Ives pendelte seit Abschluss seines Studiums bis hin zu seinem Tod zwischen einer Wohnung in Manhattan und dem vom Vater geerbten Landgut in Danbury. Der von Frederic Law Olmstead entworfene Central Park bildet den idyllischen Mittelpunkt Manhattens – einen ländlichen Zufluchtsort im urbanen Chaos. Mit diesem Kontrast beschäftigt sich die wahrscheinlich auf 1906 zu datierende Komposition Central Park in the Dark. Mehrere Jahre nach der Komposition notierte Ives eine Erläuterung zu seinem Werk auf der letzten Seite der Partitur: „Das Stück will ein Klang-Bild der Geräusche und Ereignisse sein, die jemand vor vielleicht dreißig Jahren gehört haben mag [...], wenn er an einem warmen Sommerabend auf einer Bank im Central Park saß. Die Streicher repräsentieren die Geräusche der Nacht und die dunkle Stille – durchbrochen von Geräuschen aus dem Casino jenseits des Teichs – von Straßenmusikern, die vom Circle heraufkommen und, hier und da, die Lieder jener Zeit singen [...].“ Gern bediente sich Ives in seinen Kompositionen mittels Paraphrasierung oder genauen Zitaten bereits existierender Musik diverser Stilrichtungen. In Central Park in the Dark zum Beispiel erklingt im Gewirr der Stadt der bekannte Ragtime Hello! Ma Baby.
The Unanswered Question stammt wahrscheinlich auch aus dem Jahre 1906 – zu diesem Werk sind weder Notizen oder Kommentare, noch Aufführungsmaterialien erhalten. Der Streicherapparat in The Unanswered Question bildet ein sehr leises, ruhiges Fundament, über dem die Trompete und einige Holzbläser mit chromatischen Melodiefragmenten erklingen. Hier zeigt sich eine gewisse Verwandtschaft zu Central Park in the Dark. Diese Verwandtschaft wird dadurch bestätigt, dass Ives die beiden Werke in den frühen 1930er Jahren in einer Partitur zusammenfügte. Beide Kompositionen wurden am 11. Mai 1946 gemeinsam uraufgeführt.
Johannes Brahms (1833 – 1897) trug schon relativ früh zum Verdienst seiner Familie bei, indem er Bearbeitungen von Unterhaltungsmusik schrieb und als Theaterpianist arbeitete. 1853 lernte Brahms den Geiger Josef Joachim kennen, der ihn mit seiner Empfehlung zu Robert Schumann nach Düsseldorf sandte. „Das ist der, der kommen musste.“ äußert sich Schumann kurz nach Brahms’ Ankunft über seinen neuen Schüler. Es folgten Aufenthalte in Detmold und Hamburg, bis Brahms sich 1862 in Wien niederließ. Brahms hielt stets an der nicht programmatischen, traditionellen Sinfonik fest. Dies macht ihn aber nicht zu einem gänzlich konservativen Pol der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts. Gerade seine liedhafte Melodik und eine stufenreiche Harmonik, verbunden mit strenger motivischer und thematischer Arbeit inspirierten unter anderem Arnold Schönberg. Brahms fand mit seinem Werk bald große Anerkennung in ganz Europa und erhielt einige öffentliche Auszeichnungen für sein Schaffen.
In einem solchen Kontext entstand auch die Akademische Festouvertüre in c-Moll Op. 88. Bei dieser Komposition handelt es sich neben der Tragischen Ouvertüre um das einzige Instrumentalstück mit eindeutig programmatischem Hintergrund. Am 11. März 1879 wurde Brahms von der Universität Breslau ein Ehrendoktor verliehen. Im Diplom wurde Brahms als „der erste unter Deutschlands lebenden Musikern strengeren Stils“ bezeichnet – Richard Wagner reagierte darauf sehr verstimmt. Brahms’ Freund Bernhard Scholz, Musikdirektor in Breslau, schlug Brahms vor, sich doch mit einer „Doktor-Sinfonie“ zu bedanken. Soweit ging Brahms nicht, aber er komponierte die Akademische Festouvertüre. Die Ouvertüre wurde im Sommer 1880 niedergeschrieben. Stets an Volksliedern interessiert, stattete Brahms die Akademische Festouvertüre mit insgesamt vier Studentenliedern aus: Wir hatten gebaut ein stattliches Haus, Der Landesvater, Was kommt dort von der Höh und Gaudeamus igitur. Für den Schluss der Ouvertüre wählte Brahms das wohl bekannteste der vier Lieder aus. Uraufgeführt wurde die Akademische Festouvertüre am 4. Januar 1881 in Breslau unter Leitung des Komponisten. Die Form der Ouvertüre wählte Brahms eventuell deswegen, um sich einerseits von der Sinfonischen Dichtung abzugrenzen, andererseits aber die formalen Freiheiten auskosten zu können, die im Rahmen einer Sinfonie für Brahms undenkbar gewesen wären.
Antonín Dvořák (1841 – 1904) zählt gemeinsam mit Smetana und Fibich zu den zentralen Komponistengestalten der tschechischen nationalen Musikgeschichte. Seinen ersten Musikunterricht erhielt Dvořák bereits während der Schulzeit, von seinem Lehrer wurde er bald als Geiger in das Musikleben seines Heimatdorfes Nelahozeves einbezogen. In Prag absolvierte der heranwachsende Musiker in den Jahren 1857 – 1859 ein Organistenstudium, machte Erfahrungen als Mitglied einer Tanzkapelle und begann zu dieser Zeit höchstwahrscheinlich auch zu
komponieren. Seine kompositorischen Anfänge knüpfen noch stark an die Tradition der Klassik, an die deutsche Romantik und an Richard Wagner an. Der national geprägte Stil zeichnete sich erst recht spät, um 1873, in seinem musikalischen Schaffen ab. Das Werk Dvořáks ist geprägt von einer umfassenden Stil- und Gattungsvielfalt, nahezu alle musikalischen Sparten sind in seinem Gesamtrepertoire enthalten. Sein personalstilistischer Weg ist dabei mehr durch Gegensätze und Phasen der Umorientierung als durch eine lineare Entwicklung gekennzeichnet, wobei die Sinfonik eine zentrale Rolle spielt.
Der Sinfonie Nr. 8 in G-Dur (Op. 88) kann in dreierlei Hinsicht eine besondere Stellung im sinfonischen Gesamtwerk attestiert werden. Die Sinfonie entstand im Herbst 1889, anders als zuvor die 6. und die 7. Sinfonie, ohne einen nachweisbaren Auftrag; eventuell schrieb Dvořák die Sinfonie für eine Konzertreise, zu der Tschaikowsky ihn eingeladen hatte. Auch musikalisch setzt sich die 8. Sinfonie von den beiden vorangegangenen Sinfonien ab. Waren die Sinfonien Nr. 6 und 7 mit ihren deutlich erkennbaren Themenkomplexen sowie hinsichtlich der motivischen Arbeit noch stark am sinfonischen Schaffen Johannes Brahms’ orientiert, bietet die 8. Sinfonie eine wahre Fülle von melodische Einfällen und einen merkbar aufgelockerten sinfonischen Aufbau. Diese hier auftretenden Charakteristika hängen mit einer der oben bereits erwähnten stilistischen Umorientierungen zusammen. Dvořák näherte sich hier bereits einer musikalischen Sprache, in der der Ausdruck und die Bildlichkeit der Musik mehr in den Vordergrund traten. Tatsächlich wandte sich Dvořák – seinerzeit galt er nahezu als Prototyp des Komponisten absoluter Musik – im Jahr 1896 der der Gattung der Sinfonischen Dichtung zu.
Philemon Jacobsen