
Das Projekt thematisiert ein Konfliktfeld gegenwärtiger Biopolitik, in dem sogenannte Wahrheitsbewegungen die etablierten Wissensproduktionen und Forschungskanon der Lifescience herausfordern. Der Physiker und Wissenschaftsforscher John Ziman behauptet dementsprechend: „Science is under attack. People are losing confidence in its power. Pseudo-scientific belief thrive. Anti-science win public debates.“ Paradigmatisch für dieses neue Format von Wissen(schaft)skämpfen stehen neben Global-Warming-Leugnern und Impfgegnern die transnational agierende Bewegung der AIDS-Leugner. Nach Ansicht der AIDS-Denialists ist das HI-Virus nicht der Grund für AIDS, sind AIDS-Wissenschaftler_Innen Massenmörder und hochaktive antiretrovirale Therapien(ARVs) sowie Medikamente gegen Mutter-zu-Kind-Übertragungen giftig. Einzig ‚alternative’ und spirituelle Heilmethoden werden hier als wirksam für die Heilung von AIDS angesehen. Durch den Gebrauch von Wikis, Blogs, Foren, Onlineshops, Podcasts und Social Media, wie etwa Facebook, werben sie für ihr Gegenwissen und entfalten (wissens)politische Wirkmächtigkeit.
Das Promotionsprojekt bearbeitet mehrere Frageebenen, und versucht dabei medien- und kulturwissenschaftliche Perspektiven miteinander zu verbinden: Inwiefern sind die Konflikte ein Diskurs gegenwärtiger Biopolitik? Inwiefern handelt es sich bei den skizzierten Konflikten um einen Wahrheitsdiskurs im Sinne Michel Foucaults, und welche Rolle spielen darin die Wahrheitsbewegungen und deren Wissensinszenierungen? In analogen Medienkulturen war die Kommunikation und Legitimation von Wissenschaft und Biopolitik eher top-down strukturiert: inwiefern sind die Wahrheitsbewegungen letztlich ein Phänomen einer globalen Digital Culture? Wie reagieren die etablierten Wissenschaften auf die Kritik durch die Bewegungen? Welche Konsequenzen ergeben sich für die (öffentliche) Kommunikation und die mediale Ökonomie von Wissen(schaft)? Welche Rolle spielen Suchmaschinendienste und Algorithmen bei der Verbreitung von Gegenwissen?
Mein Beitrag zum Konzept der Automatismen bezieht sich besonders auf die Denkfigur der ‚Reduzierung von Komplexität’: denn Biopolitik funktioniert nur in der Reduzierung komplexer Lebens- und Naturphänomene zugunsten einer ökonomisch-rationalen Regulierung der Bevölkerung. Im Gegenzug ist auch die Generierung und die Verbreitung von Gegenwissen darauf angewiesen, komplexe (wissenschaftliche) Themen in kurze, schlagkräftige Thesen und Bilder zu übersetzen.
Curriculum Vitae
Forschungsschwerpunkte:
Macht und Wissen in digitalen Medienkulturen, Biopolitik und Biotechnologie, Science and Technology Studies, Religion, HIV/AIDS
Biographie:
seit 10/11
Teilnahme am Doktorierenden-Kolloquium von Prof. Dr. Joseph Vogl an der Humboldt-Universität zu Berlin
seit 05/11
Kollegiat am Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn
04/08-12/10
International Master of Religion and Culture an der Humboldt-Universität zu Berlin (M.A.)
09/09-11/09
Visiting Research bei Prof. PhD David Chidester am Department of Religious Studies an der University of Cape Town am Institute for Comparative Religion in Southern Africa (ICRSA)
06-12/09
DAAD-Austauschprogramm zwischen der Humboldt-Universität zu Berlin und der University of Stellenbosch, Südafrika.
10/03-08/08
Diplomstudiengang Erziehungswissenschaft, Schwerpunkt Medienpädagogik, Nebenfach Soziologie an der Universität Paderborn (Dipl. Päd.)
Vorträge:
„In the Web of Aids-Denialism. Biopolitik und digitale Medien“, 10./11.09.2011, Universität Zürich
„Denialism at the Highest Level“ – Messiahnische Männlichkeit und kollektive Körper in Thabo Mbekis AIDS-Diskurs. Gastvortrag im Seminar „Hegemoniale Männlichkeit und ihre Erlöserfiguren“ Einladung durch Prof. Dr. Ulrike Auga, Humboldt-Universität zu Berlin, 10.02.2010
Kontakt
Martin Müller
Universität Paderborn
Graduiertenkolleg Automatismen
Warburger Str. 100
33098 Paderborn
E-Mail: maneo[at]gmx.net
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