

Projektbeschreibung
Erfahrungsraum Stille. Eine kunst- und medienphänomenologische Betrachtung
Mit der Kunst der Avantgarde erlangte die Stille in der bildenden genauso wie in der darstellenden Kunst eine immer größere Bedeutung. Paradigmatisch hierfür steht der Name John Cage. In der Stille seines Musikstückes 4’33’’wird offenkundig, wie Formen des Unverfügbaren und Unbenennbaren in der Eigensprache des Sinnlichen (Welsch) ihren Ausdruck im Leiblichen finden.
Ziel des Promotionsprojekts ist es, über jene kunstwerkimmanente Stille, nach leiblicher Gewahrwerdung (G. Böhme) zu fragen. Obschon zahlreiche Schriften zum Hören vorliegen, ist die Stille aus phänomenologischer Warte bisher jedoch noch weitestgehend unberücksichtigt geblieben. Hier setzt das Dissertationsvorhaben an. Auf der Grundlage einer Auseinandersetzung mit dem Leiblichen und dem Einzelphänomen der Stille, ist das Wechselverhältnis von Leiblichkeit, künstlerischem Ausdruck und Stille an ausgewählten Beispielen zu verhandeln.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil erfolgt eine theoretische Auseinandersetzung hinsichtlich der Interdependenz von Leib und Diskurs. Zentral hierbei ist die Leib- und Wahrnehmungsphänomenologie des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty. Der Leib im Sinne Merleau-Pontys ist durchzogen von Gewohnheiten und sozialer Ordnung genauso aber auch von Eigen-Dynamik und Eigen-Sinn. Der leibphänomenologischen Sicht wird die diskurstheoretische Sicht Judith Butlers gegenübergestellt. Butler beschreibt körperliche Identität als diskursives Konstrukt. Jedoch setzt Butler diese Aussage nicht absolut. Vielmehr betont sie, dass sich der Leib dem Diskurs immer auch ein stückweit entzieht und somit Lücken in die Ordnung des Diskurses reißt. Anhand der Gegenüberstellung von Leib und Diskurs ist das Wechselverhältnis von Bedeutungsgenierung und einem Aufbrechen des Diskursiven zu verhandeln. Jenes Changieren zwischen Sinn und Sinnlichkeit dient schließlich als Folie, das Phänomen kunstwerkimmanenter Stille, insbesondere in Bezug auf rezeptionsästhetische Aspekte und damit hinsichtlich leiblicher Erfahrbarkeit, zu untersuchen.
Auf dieser Grundlage, und der Auseinandersetzung mit einzelnen künstlerischen Positionen vorangestellt, erscheint es notwendig, Stille kulturhistorisch zu verorten und das emanzipatorische Potenzial der Stille im Kontext u. a. audio-visueller Medien herauszustellen. Im zweiten Teil erfolgt somit eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Stille. Hierbei ist neben der Interdependenz von Stille und Leiblichkeit eine Performativität der Stille zentral. Im dritten Teil wird die Stille als ästhetische Figur anhand konkreter Beispiele hervorgehoben. Neben u. a. John Cage und Dieter Schnebel rückt eine Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Video-Installations-Künstler Aernout Mik (*1962) in den Mittelpunkt. Der Bogen spannt sich von einer Auseinandersetzung mit der Performance Kunst, über theatrale Inszenierungen bis hin zur Installationskunst.
Curriculum Vitae
Forschungsschwerpunkte:
Phänomenologie (insbes. der Wahrnehmung), Kulturphilosophie und Ästhetik
Biographie:
seit 5/11 Kollegiatin am Graduiertenkolleg Automatismen der Universität Paderborn
11/08-04/11 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Medienwissenschaften am Lehrstuhl für Mediensoziologie der Universität Paderborn
10/04-09/08 Studium der Medienwissenschaft mit dem Schwerpunkt Medienkultur an der Universität Paderborn - Diplomarbeit zum Thema: Bindungslos. Entgrenzt. Entfremdet. Das spätmoderne Individuum betrachtet unter der Perspektive des Strukturwandels von der Moderne in die Spätmoderne.
Veröffentlichungen:
Herausgeberschaft:
Barbara Becker: Taktile Wahrnehmung. Phänomenologie der Nahsinne. Hg. v. Sebastian Ostermann und Kristin Wenzel. München: Fink 2011.
Aufsätze:
zus. mit David Kaller: Tagungsbericht Bühne: Realität, Geschichte und Aktualität raumbildender Prozesse. 14.07.2011-16.07.2011, Paderborn, in: H-Soz-u-Kult, 09.02.2012.
zus. mit Sebastian Ostermann: „Im unaufhörlichen Kontakt mit der Welt.“ In: Barbara Becker: Taktile Wahrnehmung. Phänomenologie der Nahsinne. Hg. v. Sebastian Ostermann und Kristin Wenzel. München: Fink 2011, S. 11-21.
Kristin Wenzel: Über die verborgene Andersheit des eigenen Selbst im Blick. Eine Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers Aernout Mik im Zusammenhang mit einer Phänomenologie der Wahrnehmung, in: kunsttexte.de, Nr. 4, 2010, www.kunsttexte.de.
Vorträge:
„Stille, Leib und Affekt“, Vortrag Interdisziplinäres Symposium für Nachwuchswissenschaftler im Rahmen des Promotionsprogramms ProArt, Ludwig-Maximilians Universität, Department Kunstwissenschaften, München, 17.-18. Februar 2012
„Zur Interdependenz von Stille und Leiblichkeit aus einer kulturhistorischen Perspektive“, Vortrag auf der Tagung „Körperlichkeit der Abstraktion“, Universität Konstanz, 20./21. Oktober 2011
„Erfahrungsraum Stille“, Vortrag im Rahmen der Tagung des Graduiertenforums der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn, 6.-8. Juli 2011
„Im unaufhörlichen Kontakt mit der Welt“ Buchpräsentation zusammen mit S. Ostermann und Jutta Weber hinsichtlich der herausgegebenen Schrift „Taktile Wahrnehmung. Eine Phänomenologie der Nahsinne“, Universität Paderborn, Institut für Medienwissenschaften, 8. Juni 2011
Seminare (Auswahl):
Entfremdung: Zur Aktualität eines antiquiert scheinenden Begriffs, Universität Paderborn im WS 08/09
Entfremdung. Entgrenzung. Entkörperung. Eine mediensoziologische Betrachtung der Spätmoderne, Universität Paderborn im WiSe 09/10
Foto-/Klangexkursion zu den ehemaligen ländlichen Grenzanlagen zwischen DDR und BRD (zusammen mit dem Dortmunder Fotografen Jürgen Spiler und dem Geomorphologen Prof. Dr. Ernst Brunotte), Universität Paderborn im WiSe 09/10
Sichtbar unsichtbar – oder unsichtbar sichtbar? Grenzen subjektiver Wahrnehmung im Medium, Universität Paderborn im SoSe 10
Der fremde Andere. Auf der Suche nach den Potenzialen einer verborgenen Andersheit in Medien und Kunst, Universität Paderborn im WiSe 10/11
Der Körper als Medium der Wahrnehmung (zusammen mit S. Ostermann), Universität Paderborn im WS 10/11
Kontakt
Kristin Wenzel
Universität Paderborn
Graduiertenkolleg Automatismen
Warburger Str. 100
33098 Paderborn
E-Mail: kwenzel[at]mail.upb.de
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