
Ausgangspunkt des Projektes ist die Beobachtung, dass ein immer größerer Anteil der gesellschaftlich relevanten Strukturen dort entsteht, wo der Raum bewusster Planung endet. Dies gilt für technische Entwicklungen ebenso wie im Prozess allgemeiner kultureller Evolution; die Beispiele sind vielfältig: An die Seite der traditionellen Massenmedien tritt das Internet mit seiner unübersehbar verteilten Nutzeraktivität, innerhalb von Firmen werden Hierarchien durch informelle, kooperative Strukturen ersetzt; von Informatikern entworfene Ad hoc Netze kopieren das Marktmodell und handeln die Allokation von Ressourcen selbständig aus.
Allgemein scheinen alle diejenigen Erklärungsansätze in eine Krise geraten, die – „top down“ – auf zentrale, verantwortlich handelnde Instanzen verweisen. Was aber kann an deren Stelle treten? Ist es möglich, Mechanismen der Strukturentstehung „bottom up“ zu modellieren?
Zentrales Konzept des Graduiertenkollegs ist das der ‚Automatismen’. Wo man planende Instanzen vermisst, erscheinen diese häufig durch Automatismen ersetzt. Hierbei geht es um ein Entwicklungsmodell, um die Frage, auf welche Weise sich in automatisierten Prozessen Strukturen herausbilden.
Automatismen sind bisher vor allem im Rahmen von Einzelwissenschaften untersucht worden. Ansätze innerhalb der Psychologie beschreiben Automatismen als Handlungsmuster, die ökonomisch sind, insofern sie den Aufwand bewusster Reflexion ersparen; gleichzeitig wird betont, dass sie zur Verhärtung und zur Stereotypisierung neigen. Soziologische Theorien analysieren Automatismen als Prozesse einer Habitualisierung; hier tritt ihr regulativer und technischer Charakter hervor, Automatismen erscheinen als Formierung. Wahrnehmungs- und Gestalttheoretiker haben gezeigt, dass basale Mechanismen der Wahrnehmung als Automatismen arbeiten, innerhalb der Semiotik sind es Prozesse der Schemabildung, die in den Mittelpunkt rücken.
Das Graduiertenkolleg will solche Einzelansätze aufgreifen, durcharbeiten und systematisieren. Gleichzeitig geht es darum, sie in Richtung einer systematischeren Fragestellung zu überschreiten. Hier betritt das Kolleg Neuland – es beansprucht Innovation, insofern im interdisziplinären Vergleich eine strukturelle Sicht automatisierter Prozesse erreicht werden soll. Im Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes wird es möglich, gemeinsame Züge und Unterschiede der unterschiedlichen Basistheorien herauszuarbeiten und die Leistungsfähigkeit bzw. Grenzen solch begrifflicher Übertragung zu reflektieren. Hierzu liegen umfangreiche Vorarbeiten bei den Beteiligten vor.
Ziel des Kollegs ist es, das Konzept der Automatismen zu einer tragfähigen Konzeption zu entwickeln, die sich – differenziert, kohärent und operationalisierbar – in der Analyse konkreter technischer, medialer und kultureller Phänomene als fruchtbar erweist.
Spezifisch für die interdisziplinäre Zusammenarbeit im Graduiertenkolleg ist die Kooperation zwischen Kulturwissenschaften und Informatik. Auch diese Kooperation ist – so nahe sie in vielen Themenfeldern liegt – noch immer eine Innovation.
Das Kolleg soll diese Kooperation auf eine solide institutionelle Grundlage stellen. Eine fakultätsübergreifende Zusammenarbeit, die auf der Ebene der Lehre, im Curriculum verschiedener Studiengänge bereits etabliert werden konnte, soll nun auch auf der Ebene der Forschung eine feste Form finden.
Das Studienprogramm ist inhaltlich auf das Forschungsprogramm ausgerichtet; es stellt den Rahmen dar, in dem die Forschung der beteiligten Wissenschaftler/innen und die Promotionsprojekte der Kollegiat/innen zusammenkommen. Das Ziel ist ein wechselseitiger Nutzen: die Promotionsprojekte profitieren von den im Forschungszusammenhang erreichten Ergebnissen; sie finden einen vitalen Diskussionszusammenhang vor und können den Hypthesenrahmen als Umfeld nutzen, das die einzelne Fragestellung präziser verortet. Der Gefahr einer Isolation der Projekte wird entgegengewirkt.
Es werden neue Betreuungsstrukturen angestrebt. Wie in 5.2 näher erläutert, werden die Promotionsprojekte von Beginn an von jeweils zwei Betreuer/innen begleitet (Tandemkonzept); Ziel ist es, die Interdisziplinarität des Kollegs auch auf dieser Ebene zu gewährleisten, persönliche Abhängigkeiten zu vermeiden und auf diese Weise die wissenschaftliche Eigenständigkeit der Kollegiat/innen zu fördern. Gleichzeitig ist eine transparente und relativ strikte Erfolgskontrolle geplant (5.2).
Die Kollegiaten sollen gezielt dazu angehalten werden, sich international zu orientieren, Auslandsaufenthalte einzuplanen und auf internationalen Tagungen aufzutreten. Es ist geplant, einen Teil der Ergebnisse des Kollegs auf Englisch zu publizieren.
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